„Kostet Überwindung“ 

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Als im Dezember neue Stühle kamen, hatte Christian Firmbach noch gut lachen.
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Als im Dezember neue Stühle kamen, hatte Christian Firmbach noch gut lachen.

Oldenburg/Syke - Die Corona-Krise trifft alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Und so hart es auch für leidenschaftliche Konzert-, Theater- oder Museumsgänger ist, dass das kulturelle Leben derzeit nur noch in den eigenen vier Wänden vonstattengeht, trifft es doch die um ein Vielfaches härter, die von der Kunst leben.

Wir haben uns in der Region umgehört, wie sich die Pandemie bei ihnen auswirkt. Was wir herausgefunden haben, können Sie in loser Folge bei uns in den kommenden Tagen lesen. Den Auftakt macht Christian Firmbach, Intendant des Oldenburgischen Staatstheaters.

Herr Firmbach, wie ging es Ihnen, als Sie entschieden haben, Ihr Haus bis auf Weiteres zu schließen?

Nach ausführlicher Rücksprache mit den zuständigen Behörden haben wir am 13. März beschlossen, den Vorstellungsbetrieb bis auf Weiteres auszusetzen. Das war für uns mit Blick auf die aktuelle Lage und unsere Verantwortung dem Publikum und der Gesellschaft gegenüber selbstverständlich, aber dennoch eine schwere Entscheidung. Am Theater gibt das gesamte Team normalerweise alles, damit die Vorstellung gesichert ist und über die Bühne gehen kann. Es ist ungeschriebenes Gesetz: Egal was passiert, am Abend hebt sich der Vorhang. Das aufzugeben kostet Überwindung.

Noch ist unklar, wann Sie wieder öffnen werden. Wie gehen Sie mit dieser auch finanziell unsicheren Lage um?

Selbstverständlich fehlen uns die Einnahmen aus dem Vorstellungsbetrieb in unserer Planung. Als Staatstheater sind wir aber im Vergleich zur freien Kulturszene in einer verhältnismäßig privilegierten Situation. Ich habe gelesen, dass beispielsweise in Köln Besucher der jetzt nicht stattfindenden „lit.Cologne“ auf die Rückgabe ihrer Eintrittskarten verzichten, um die Existenz des Literaturfestivals zu sichern. Das finde ich eine ganz große Geste, die zeigt wie tief verwurzelt Kultur in unserer Gesellschaft ist und die uns Mut macht, dass verteilt auf viele Schultern auch große Aufgaben gut gemeistert werden können.

Arbeiten Sie weiter als Theater in der Schließzeit?

In den musikalischen und szenischen Proben ist der geforderte Mindestabstand zwischen den Künstlern nicht zu gewährleisten. Daher setzen wir diese momentan in allen Sparten aus. Was aber nicht heißt, dass alle untätig zuhause sitzen: Die Schauspieler lernen Text, die Sänger und Musiker üben Literatur für kommende Produktionen und die Tänzer erarbeiten Solo-Choreografien, die Antoine Jully bei Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu einem ganz besonderen Ballettabend zusammensetzen wird. Die Werkstätten sowie Verwaltung und technische Abteilungen arbeiten in einer kleineren Besetzung und teils auch im Home-Office weiter. Einige engagieren sich auch zusätzlich. So näht die Kostümabteilung gerade in Heimarbeit Behelfsmasken. Übrigens kann man uns, wenn man uns auf den Online-Kanälen folgt, auch beim Arbeiten zusehen. In Eigeninitiative sind viele unterhaltsame Filmschnipsel und Beiträge entstanden, mit denen die Kollegen den Mitmenschen Freude und Zuversicht spenden wollen. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass, gerade in schwierigen Zeiten, Kultur diese Aufgabe übernehmen kann und muss.

Was bedeutet die Schließung für Ihre freiberuflichen Mitarbeiter? Versuchen Sie die Ausfälle irgendwie aufzufangen?

Hierzu sind wir mit den anderen Theatern, unserem Rechtsträger, dem Personalrat und den Betroffenen im Gespräch, um schnell Lösungen zu finden, die niemanden im Regen stehen lassen. Auf Initiative der Kulturstaatsministerin hat das Bundeskabinett zudem ein Hilfspaket für Kleinunternehmen sowie Solo-Selbstständige aus dem Kultur-, Medien- und Kreativbereich beschlossen. Die Mehrheit der Freischaffenden an unserem Haus sind jedoch ohnehin die Produktionsteams, also Regisseure, Bühnenbildner und so weiter, die entweder ihre Arbeit bereits geleistet haben oder noch leisten werden und folglich auch ganz normal bezahlt werden.

Wie wird diese Krise das zukünftige Programm prägen, vielleicht auch positiv?

Das lässt sich im Moment natürlich noch nicht abschließend beantworten. Es ist aber zu spüren, dass die aktuelle Situation nicht nur Sorgen, sondern auch Solidarität sowie eine enorme Kreativität freisetzt. Das gibt uns Hoffnung, man realisiert, dass Kunst und Kultur nicht nur etwas ist, das man sich leistet, wenn es einem gut geht. Ich könnte mir vorstellen, dass nach viel digitaler Unterhaltung die Lust auf ein Live-Erlebnis groß sein wird. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist bei uns momentan immens, und ich hoffe, dass sich das auch auf die Menschen in der Region überträgt. Wir planen schon jetzt – auf viele Orte verteilt – für unser Publikum ein großes (Theater-)Fest der Rückkehr.

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