Was kostet der Spaß?

Nora Olearius stellt im Künstlerhaus Bremen aus

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Von Pappe: Ansicht aus der Ausstellung „Cubicle x Faktor“ von Nora Olearius.

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Über Geld spricht man nicht, sagt man, schon gar nicht in der Kunst. Und während gut situierte Sammler natürlich ihre Codes haben, um Galeristen möglichst beiläufig übers Weinglas hinweg auf einen Preis festzunageln, bleibt das Thema für den Rest der Menschheit in etwa so unangenehm, wie im Club jemanden nach Geschlechtskrankheiten zu fragen.

Nun ist schon viel gewonnen, wenn man Preis von Wert zu unterscheiden weiß. Und weil letzterer noch viel verrückter ist, gibt es auch so komplizierte Methoden, ihn zu errechnen. Die Bremer Künstlerin Nora Olearius hat sich die im Kunstbetrieb gängige Formel vorgenommen: Höhe plus Breite mal Faktor. 

Für die ersten beiden reicht ein Geodreieck, der entscheidende dritte Wert ist allerdings so subjektiv wie nur was. Da geht es um Erfahrung, Können, Relevanz und lauter Sachen, die sich eben nur mit Mühe erheben und erschließen lassen. Bei Gemälden liegt der Wert bei Hochschulabsolventen so zwischen fünf und zehn. Bei Plastiken ist es etwas mehr. Dass die neben Höhe und Breite auch noch eine Tiefe haben, führt hier zu weit.

Es ist nämlich so: Nora Olearius rechnet so akribisch, weil sie als Künstlerin natürlich weiß, wie absurd das alles ist. Ihre mathematische Arbeit hängt handschriftlich auf neun Blättern Karopapier an der Wand. Daneben steht ein U-förmiger Aufbau aus Pappkartons, in dem sich Kunstwerke befinden sollen. Mietware, wie sie Anwaltskanzleien oder die Agenten des Kapitals für ihre repräsentativen Räume kommen lassen.

Was nun genau in diesen Kartons steckt? Keine Ahnung. Aber an der Wand steht, wie groß die Bilder sind und welche Faktoren Olearius zusammenrecherchiert hat. Mit diesen Zahlen stellt sie dann allerlei an. Nebenher hat sie noch die Durchschnittsfarben der sechs Bilder errechnet und in einem eigenen Bild nebeneinander arrangiert: ein lila Streifen, ein grüner und so weiter.

Und das alles wäre nicht mehr als ein (mindestens gelungener) Scherz, wären die errechneten Spaßzahlen nicht so wirkmächtig. Man kommt von der Hochschule und wird auf den Markt geschmissen – das ist die Lebenserfahrung fast aller ausgebildeten Künstler – und eben auch die von Olearius. Sie war 2017 Meisterschülerin bei Jean-François Guiton und schließt mit dieser Ausstellung im Künstlerhaus nun ihr gewonnenes Bremer Atelierstipendium ab. 

Und noch bevor jemand etwas kaufen will, geht es ums Geld: Die Versicherungen wollen auch bei nicht kommerziellen Ausstellungen den Faktor der Künstler hören. Und ob man will oder nicht: Der Wert lenkt ja nun auch die Aufmerksamkeit von Presse, Publikum und Förderern.

Ob es auch für Olearius eine schmerzhafte Erfahrung ist, dass die Aufmerksamkeit von der (ästhetischen) Sache selbst abkommt? Es sieht nicht so aus. Dafür strahlt diese Arbeit viel zu viel Spaß aus an diesen Rechenspielen und ein viel zu authentisches Interesse an jener eigentümlichen Welt, die so krass vom Inhalt abstrahiert und so durchschaubar Objektivität vorgaukelt.

Ausstellung bis 6. Januar, Künstlerhaus Bremen

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