Die koreanische Komponistin Younghi Pagh-Paan wird 70 Jahre alt / Konzert an der Hochschule für Künste

Wenn aus Kraft Klänge werden

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Sechzehn Jahre lang war Younghi Pagh Paan Professorin an der Hochschule für Künste.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Seit 1994 betreute die1945 in Cheongju geborene Koreanerin Younghi Pagh Paan sechzehn Jahre lang die Professur für Komposition an der Hochschule für Künste in Bremen. Dieses Jahr erhielt sie den Preis der Europäischen Kirchenmusik, am 30. November wird sie siebzig Jahre alt. Wir sprachen mit der Komponistin über Kunst und Lehre, Heimat und in der Fremde und ihre Zukunft. - Von Ute Schalz-Laurenze.

Frau Pagh-Paan, 40 Jahre in Deutschland, mehr als die Hälfte Ihres Lebens. Wie fühlt sich das an?

Younghi Pagh-Paan: Es ist quasi meine Heimat. Denn auch Korea ist für mich heute fremd, so wie sich dort alles entwickelt hat. Wach ist nur meine Erinnerung. Deutschland aber ist für mich immer noch großartiges Gastland. Diese Ruhe in Bremen, die Menschen.

16 Jahre waren Sie hier Hochschullehrerin.

Pagh-Paan: Es war mein glücklichster Lebensabschnitt, ich lebe noch immer von den vielen Kontakten.

Ein Kompositionslehrer soll anderen, jüngeren, nicht seinen Stil aufzwingen. Was also kann ein Künstler weitergeben?

Pagh-Paan: Ich übe in der ersten Stunde: Stehen, Kopf in den Himmel. Ich muss wissen, wer ich bin, was ich will, ohne das kann man keinen Ton zeigen. Man muss Geduld haben, warten können, zuerst geht es nicht um Noten.

Welche europäischen Komponisten haben Sie denn am meisten beeinflusst ?

Pagh-Paan: Meine Arbeit im Fach Musikgeschichte ging über Joseph Haydn. Er ist der Vater der modernen Musik. Von den heutigen ist es Olivier Messiaen mit seiner religiösen Haltung, Bernd Alois Zimmermann mit der Offenheit seiner Methode und Klaus Huber mit seiner Spiritualität und seinem Mut, sich nie einem Trend anzupassen. Auch das Handwerk habe ich hauptsächlich von ihm gelernt, dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Erzählen Sie etwas vom Einfluss der anderen Kulturen auf Ihr Schaffen. Zunächst haben Sie in Freiburg sozusagen die europäische Avantgarde studiert. Sie haben sich dann der mittelalterlichen Mystik zugewandt, der griechischen Antike, dem Christentum, und Sie leben zum Teil in Italien.

Pagh-Paan: Um das zu kommentieren, muss ich noch einmal ganz zurückgehen. Mein geliebter Vater starb, als ich elf war. Ich schrieb Gedichte, meine Schwester sorgte sich, dass ich so ein trauriges Kind werde. Dann komponierte ich, um mit meinem verstorbenen Vater ein imaginäres Gespräch zu führen. So fing ich an zu komponieren. Ich schrieb Anfang 70 ein Ballett, das ein Fiasko war. Danach ging ich nach Freiburg, um weiter zu studieren. Es ist ein langer Weg gewesen, bis ich Edith Stein und Teresa von Avila begegnen konnte. Meine Wendung zur griechischen Antike in der Person der Sophokleischen Antigone: Sie ist der erste Mensch, der gegen Tyrannei nein sagt! Sie ist eine Widerstandskämpferin und Vorbild, und das findet sich in allen Kulturen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich nie von Ihren Wurzeln entfernen werden. Was heißt das für Sie heute? Pagh-Paan: Die Leute haben mich einmal gefragt, warum ich keine koreanischen Märchen schreibe. Ich will das später, für mich ist lebenswichtig, was in der Welt jetzt passiert. Ich will damit eigentlich deutlich sagen: Der Mensch ist mein Thema. Sophokles sagt am Anfang seines Werkes Ödipus auf Kolonos: „Ich bin der Mensch“. Und das ist nicht antik, nicht griechisch, nicht koreanisch, sondern menschlich. Ohne Beziehungen kann man auch diesen Ort nicht schaffen. Am liebsten zitiere ich da Hölderlin „Aber das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde.“

Sie sind 70, einerseits pensioniert, andererseits jung. Auf was sind Sie noch neugierig?

Pagh-Paan: Ich habe gerade den Preis der Europäischen Kirchenmusik erhalten. Meine Neugier besteht darin, die Musikalisierung der Spiritualität zu finden. Wenn ich an Meister Eckhart denke, dann will ich einfach diese Kraft in Klänge umsetzen. Oder auch: Wie kann man tiefe Gedanken in Musik umsetzen? Ich weiß noch immer nicht, wie das geht. Ich möchte lernen, langsam zu leben und weiter Musik zu schreiben.

Gibt es bestimmte Kompositionswünsche? Gattungen?

Pagh-Paan: Noch einmal: ich brauche diesen außermusikalischen Input. Zum Beispiel ist Simone Weil auch so eine Person, deren Denken mich einfach glücklich macht. Seit 1988 wollte ich ein Streichquartett nach den Texten Simone Weils komponieren. Jetzt erst fühle ich mich ihren Gedanken gewachsen. Zur Zeit arbeite ich damit.

Sie leben in Bremen und in Panicale in Umbrien. Was ist für Sie „Lebensqualität“?

Pagh-Paan: Gute Nachbarschaft; miteinander lächeln.

Die Konzerte zum 70. Geburtstag von Younghi Pagh-Paan.

20. November, 20 Uhr, Worpsweder Musikherbst, Gemeindesaal Alte Schule: Klavierabend Hwa-Kyung Yim mit Musik von Younghi Pagh-Paan und Helmut Lachenmann.

28. November, 17 Uhr, Atelier Neue Musik in der Hochschule für Künste, Werke von Younghi Pagh-Paan, Hanna Eimermacher und Tobias Klich.

28. November, 20 Uhr, Konzertsaal Hochschule für Künste, Ensemble New Babylon, Werke von Younghi Pagh-Paan, Elnaz Seyedi und Brigitta Muntendorf.

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Zur Person

Younghi Pagh Paan, Jahrgang 1945, kam nach einem abgeschlossenen Kompositionsstudium in Korea 1974 in die berühmte Klasse von Klaus Huber in Freiburg. Lange galten ihre raren Werke – sie schrieb nur ein Stück pro Jahr – als Geheimtipp. In ihrem zweiten hier komponierten Werk „Man-Nam“ für Klarinette und Streichtrio verarbeitet sie den Kulturschock, den sie in Freiburg erlebte – der letzte Satz bedeutet die Versöhnung zweier nicht kompatibler Welten. In ihrem vielfach ausgezeichnetem Werk ist die koreanische Musikauffassung stets präsent: der stete Fluss des Taoismus , die Auffassung des Einzeltones, der im Unterschied zu unseren Tonverbindungen ein komplexes Innenleben führt und die Auffassung des Rhythmus, der dazu da ist, die Töne zu präsentieren und zu charakterisieren.

Dazu kommen sehr persönliche Strukturen von Akkorden, die sie „Mutterakkorde“ nennt. Der Hauch von Fremdheit, der allen ihren Werken immer mehr eigen ist, wird aufgefangen und ergänzt durch europäisch-avantgardistische Spieltechniken. Als erste Frau erhielt sie 1980 einen Kompositionsauftrag vom Südwestrundfunkorchester: mit „Sori“ gewann sie im gleichen Jahr den Stuttgarter Kompositionswettbewerb.

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