„Der Traum des Bildhauers“: Das Bremer Gerhard Marcks Haus zeigt Plastiken des Belgiers Johan Tahon

Kopf trifft Körper

Menschen- und Weltbilder zwischen Wand und Raum: Johan Tahon.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Eine riesige Figur begrüßt den Besucher mit ausgebreiteten Armen. Die Hände reichen wäre schwierig. An deren Stelle befinden sich Kugeln.

Wie Monde um das Zentrum Mensch beschreiben diese eine imaginäre Kreisbahn. Gestützt wird das plastische Bild im Hintergrund durch eine Wandzeichnung kosmischer Konstellationen. So figürlich die Skulptur daher kommt, so viel Zeichenhaftes und Symbolkräftiges trägt sie im Gepäck. „Magnets“ lautet der Titel. Magnetismus ist ein weites Feld, Anziehungskraft und Abstoßung wirken intersubjektiv und universell. Figur trifft sich hier mit Weltformel.

Überpersönlich und überwältigend ist auch die Größe des Werkes. Es tritt dem Betrachter gegenüber, beschirmt und umschlingt ihn zugleich, berührt ihn physisch und lässt ihn seine eigene Körperlichkeit spüren, was Empfindungs- und Denkbewegungen in gleicher Weise anstößt. Die Figur beherrscht den Raum und ihr Gegenüber. Sie vermittelt ausgreifende Kraft und doch wirkt die Balance gefährdet. Eine geschlossene stabile Form sieht anders aus.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Aufstellung von Johan Tahons Gipsfigur im Foyer des Museums hätte das Bremer Gerhard Marcks Haus vor erhebliche logistische und installative Probleme gestellt. Doch der belgische Bildhauer macht es Veranstaltern vergleichsweise einfach. Seine Plastiken kommen zerlegt am Bestimmungsort an und finden dort erst ihre vorläufige Gestalt. Vorläufig, weil sie nach der nächsten Zerstückelung an einem anderen Ort möglicherweise ganz anders aussehen können.

Die Monumentalität in ihrer waghalsigen, pathetischen Geste ist also eine Gestalt auf Zeit. Tahon, so Gerhard Marcks Haus-Direktor Arie Hartog, ist einer der wenigen figürlichen Bildhauer, die ortsbezogen arbeiten. Tatsächlich sieht und spürt man den plastischen Menschenbildern des Belgiers an, dass sie auf dem Weg sind und fragmentiert. Ihre hybride Existenz kommt allerdings ohne den geläufigen Verweis auf die aktuelle Zerrissenheit des Daseins und die Fraktionierung des Ichs aus. Tahon zerlegt seine Plastiken, entfernt Körperteile, platziert Fehlstellen, verhindert Statik, lagert Fremdes an, um die Oberfläche zu durchbrechen. Den Körper sprechen lassen und dabei die Signale der Seele empfangen, das war schon immer ein „Traum des Bildhauers“, so der Titel der eindrücklichen Bremer Schau.

„Das Äußere der menschlichen Figur interessiert mich nicht“, sagt der 1965 geborene, in Belgien und in der Türkei lebende Künstler. „Man braucht Körper für Gefühl und Sinnlichkeit“ klingt nach einem pragmatischen Zugang zu seinem Thema. Ihren Ausgang nehmen seine Arbeiten vom Kopf, und zwar plastisch werktechnisch  – „er ist der Eingang, um Kontakt in alle Richtungen aufzunehmen“. Tahon fertigt Kopf und Körper getrennt, montiert sie vor Ort, stellt und hängt sie, kombiniert unterschiedlichste Größen, wobei die Disproportionen ebenso sprechen wie kleinste Drehungen. Ob ein Kopf auf oder in einer Blume platziert wird, entscheidet der Künstler am Ort, auch ob rote Farbe fließt oder eine weiße Glasur den Abschluss bildet – was auf das in Indien praktizierte Übergießen von Skulpturen mit Milch verweisen könnte.

Tahons Arbeitsprozess ähnelt eher pflanzlichem Wuchern als planmäßigem Vorgehen. Fragen stehen im Fokus, der Künstler sucht eine Figuration, „die etwas anklingen lässt, was wir nicht verstehen.“ Die plastische Form greift dabei der Haltung des Betrachters vor und bildet diese nach. Die Figur „greift nach etwas, kann es aber nicht fassen“.

In seinem „Collageverfahren“ outet sich der Belgier nur scheinbar als klassischer Moderner. Er selbst sieht sich mehr der Überlieferung verpflichtet: „Ich mache etwas und entdecke darin Elemente aus alten Mythen und anderen Kulturen.“ Ausgestellt ist in Bremen auch eine Ateliersituation, die Präsentation des kreativen Chaos ist programmatisch, die Entstehung gehört mit zum Werkgedanken wie die fragmentierte Figur in Veränderung zur Formidee.

Rodin zählt, wie man an der Wand des Museumsateliers an einer Postkarte ablesen kann, neben Wilhelm Lehmbruck mit seiner überlängten Körpern zu den Vorbildern Tahons. Der schreitende Mann des Franzosen könnte als Sinnbild für die Bewegung und den Brückenschlag betrachtet werden, den der Belgier im Blick hat. In der Verschmelzung figürlicher Anteile aus verschiedenen Kontexten, in der Platzierung von Körpern in fremde Räume und neuen Konstellationen nähert sich Tahon Traumstrukturen und schafft eigene Kunstwelten. Sein Anspruch „irrationale Erfahrungen mit den Mitteln gesteigerter Realität zu veranschaulichen“, wie Yvette Deseyve in ihrem lesenswerten Katalogbeitrag formuliert, bedeutet nichts weniger als den Symbolismus in eine gegenwärtige skulpturale Sprache mitzunehmen, die das Unbewusste und Irrationale zwischen Abstraktion und lakonischem Körperprotokoll zerrieben oder thematisch ausgesetzt hat.

So kann man verstehen, dass Hartog diesen dem deutschen Publikum nicht unbedingt vertrauten Künstler „zeigen musste“. Der Direktor des Bremer Bildhauermuseums geht seinen angekündigten Weg konsequent weiter, gegenwärtige bildhauerische Fragen grundsätzlich zu verhandeln. Man darf ihm ein gleichfalls an Basis, Tiefe und Entschiedenheit von plastischen Formproblemen interessiertes Publikum wünschen. Tahon bietet anschaulichen Zugang und abgründige Erkundungen.

(bis 9.1.11, Katalog 23 Euro. Eröffnung 26.9., 11 Uhr)

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