Wolf-Dietrich Sprenger richtet am Hamburger Thalia Theater Georg Büchners Erzählung „Lenz“ für die Bühne ein

Auf dem Kopf ist der Himmel ein Abgrund

+
„Am 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg“: Lenz (Wolf-Dietrich Sprenger) doziert über sein Schicksal. ·

Hamburg - Von Johannes Bruggaier. Es steckt so viel Dramatik in diesem Text, dass es ihn immer wieder auf die Bühne drängt. Der Schauspieler Philipp Hochmair etwa hat sich seiner schon angenommen, zuletzt auch das Deutsche Theater in Berlin.

Nun adaptiert auch Wolf-Dietrich Sprenger Georg Büchners Erzählung „Lenz“ für die Bühne. Das Hamburger Thalia Theater zeigt das Stück in seiner Nebenspielstätte an der Gaußstraße.

Den 20. Jänner, so heißt es in Büchners Text, „ging Lenz durchs Gebirg“. Doch es ist wenig zu spüren von alpiner Frische, hohen Gipfeln und donnernden Wasserfällen. Statt dessen dient eine karge graue Blechwand als Folie für eine Selbsterfahrung, die das Individuum an die Grenzen seines Bewusstseins führen soll. So grau wie die Wand ist auch der Herr davor (Sprenger). Ein trockener Dozent im etwas abgewetzten Sakko, Deutschlehrer mit Reclamheft in der Hand: Büchners „Lenz“, soll das etwa ein Proseminar werden?

Tatsächlich entwickelt sich ein Vortrag von irritierender Steifheit. Dabei folgt er einer durchaus interessanten Ausgangsthese: der Idee, dass Büchners Text sich aus einem Essay seines Titelhelden ableiten lasse, der Schrift „Über Götz von Berlichingen“ aus der Feder des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz. Es ist darin von der Sehnsucht des Menschen nach Individualität die Rede – weil durch diese so etwas wie Identität überhaupt erst möglich wird.

Das Unbehagen vor der Ahnung, nichts weiter zu sein als eine „kleine Maschine“ einerseits. Die Flucht der Büchnerschen Figur aus der uniformierenden Kraft der Zivilisation ins „Gebirg“ andererseits: Ja, an diesem Bezug ist etwas dran, man mag der Sache folgen. Wozu aber der didaktische Tonfall? „Nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte“, liest Sprenger, um belehrend hinzuzufügen: „Wer auf dem Kopf geht, meine Damen und Herren, der hat den Himmel als Abgrund unter sich!“

Mit Erreichen des ominösen Ortes Waldbach mutiert der dröge Dozent sukzessive zu seinem eigenen Betrachtungsgegenstand. Mit Lenzens Sturz in den Dorfbrunnen, so scheint es, stürzt sich zugleich auch sein Interpret in die Figur. Des Sakkos hat er sich da schon entledigt, auch seines roten Lehrerpullovers: Was bleibt, ist eine Kreatur im Unterhemd, selbst eingenässt mit Hilfe einer Wasserflasche. Sie ist aus ihrer eigenen Ordnung gefallen, was in atonalen Klaviereinwürfen (gespielt von Claus Bantzer) seine Bestätigung findet. Und weil beim Dorfpfarrer Oberlin eben jene Ordnung zumindest der Form nach wiederzufinden ist, schwenkt die Musik auch schon ins Biedermeierliche, kaum dass Lenz dessen Wohnung betreten hat. So aufdringlich, wie dieser Lenz mit Kommentaren und Handlungen seinen eigenen Seelenzustand unterstreicht, so plakativ setzt sich die Musik dazu ins passende Verhältnis.

Erst als Lenz, dessen Identität der Dozent von eben nun endgültig angenommen hat, sich in der Wiederbelebung eines Kindes versucht, wird unvermutet eine Verbindung von Leben und Bühne sichtbar. Dann zeigt sich im performativen Akt des Ausrufs „Stehe auf und wandle!“ die Sehnsucht nach einer Beherrschbarkeit der Welt, eine Sehnsucht, wie sie nur im Theater erfüllt werden kann. Allein: Es ist mehr der Text selbst, der diese Parallele aufzeigt, weniger die Inszenierung.

Entnehmen lässt sich ihr, dass eine Bühnenfassung dieser Erzählung alles andere als eine abwegige Idee darstellt. Was konkret sich jedoch von ihr erhoffen lässt, das bleibt in der Hamburger Produktion im Dunkeln.

Weitere Vorstellungen: morgen sowie am 9. Juni, jeweils um 19.30 Uhr im Thalia Theater an der Gaußstraße, Hamburg.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Gladbach besiegt die Bayern - auch Leipzig und BVB gewinnen

Gladbach besiegt die Bayern - auch Leipzig und BVB gewinnen

Moisander nimmt die letzte Hürde - Fotostrecke vom Werder-Abschlusstraining vor SCP

Moisander nimmt die letzte Hürde - Fotostrecke vom Werder-Abschlusstraining vor SCP

Heimsieg für Hannover 96 - VfL Osnabrück rückt vor

Heimsieg für Hannover 96 - VfL Osnabrück rückt vor

Empfang für die Feuerwehren in der Gemeinde Weyhe

Empfang für die Feuerwehren in der Gemeinde Weyhe

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Deutliche Worte

Deutliche Worte

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Kommentare