Konzept plus Land-Art: US-Künstler Robert Kinmont im Künstlerhaus Bremen

Menschliches Maß

Kisten und Kästen, Naturmaterial und gedanklicher Rohstoff: Blick auf Robert Kinmonts Bremer Auftritt. ·
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Kisten und Kästen, Naturmaterial und gedanklicher Rohstoff: Blick auf Robert Kinmonts Bremer Auftritt. ·

Bremen - Von Rainer Beßling. Die aktuelle Ausstellung des Künstlerhauses Bremen ist mit auffallend vielen Kisten und Kästen bestückt. Eine enthält Gräser, eine andere haufenweise Zettel. Eine dient dem Transport von Weiden-Gabeln, eine vierte dem von Erde. Der Inhalt liegt gehäufelt auf dem Galerieboden. Kehrblech und Besen stehen daneben.

Robert Kinmont heißt der Befüller und Hüter der Container. Sein Bremer Gastspiel mit dem Titel „Mea sure“ hat trotz überschaubarer Zahl von Exponaten retrospektiven Charakter. Die Kisten weisen den 1937 geborenen Künstler als Sammler aus, der Materialien und Ideen hortet und sie direkt, frei von geläufiger ästhetischer Überformung, präsentiert. Die Kästen beinhalten in aller Regel Stoff aus der Region um den Ort Bishop, in dem Kinmont seine Jugendzeit und weitere prägende Jahre verbrachte: kalifornischen Boden und kalifornische Äste.

In diesen frühen Jahren aufgelesene Funde werden ebenso zu Werkstücken wie spätere Beute. Der Künstler kehrt für die Suche nach Arbeitsmaterial und -impulsen immer wieder nach Bishop zurück. Das stützt seine Selbsteinstufung als „Conceptual Artist“. Als solcher beackert er eine begrenzte Region und Thematik. Aber auch die gelegentliche Etikettierung Kinmonts als Land-Art-Künstler könnte damit begründet werden. Die Orte seiner Jugend zu durchschreiten und in Bild und Objekt, vor allem im gedanklichen Reflex und Entwurf festzuhalten, ist Kern seiner Arbeit.

Funde auf diesen Exkursionen sind unter anderem „26 Dead Animals“, so der Titel einer Fotoserie, von der noch 16 Negative erhalten sind. Die Kadaver, Opfer des Straßenverkehrs, wurden sachlich fotografiert, ein Protokoll lebloser Fundsachen, das vermeintlich teilnahmslos auf den Dingcharakter des Tieres verweisen könnte. Das Zusammentreffen von Zivilisation und Natur wird hier fern jeder Dramatisierung und Kommentierung bilanziert. Zugleich deutet der nüchterne Blick auf Kinmonts Verehrung für Marcel Duchamp hin, dessen Fokus auf dem Körperhaften von Objekten, auf der Stofflichkeit von Oberflächen und die Verpflanzung des Realitätspartikels in den Kunstraum lag.

„Kunst zu schaffen ist eine Handlung, die aus dem subjektiven Ermessen hervorgeht, und dieses subjektive Ermessen ist ein Ausdruck des menschlichen Daseins,“ sagt Kinmont. Damit ließe sich der Ausstellungstitel „Measure“ (Maß, Maßnahme, Maßregel) erklären. Als Durchmessen der Landschaft kann die Fotoserie „Natural Handstands“ (1969/2009) verstanden werden. In acht Aufnahmen ist der Künstler im Handstand vor unterschiedlicher Naturkulisse zu sehen. Das Spektrum reicht von Felsen über dürre Steppen bis zu Wäldern. Damit ist nicht nur landschaftliche Vielfalt dargestellt, vor allem korrespondieren der Künstler, der den Boden erfühlt und sich von ihm tragen lässt, und die Natur in unterschiedlicher Weise miteinander. Wirkt er auf dem kargen Stein isoliert, scheint er mit den Bäumen zu verschmelzen, zumindest wirkt er darin eingewoben. Die Idylle eine Einheit Mensch-Natur lässt Kinmont außen vor.

Auf der Rückseite des eingangs erwähnten „Weed Container“ mit Gräsern und Erde finden sich zwei einfache Zeichnungen. In der einen bückt sich ein Mann bodennahen Pflanzen entgegen, in der anderen geht er mit gestrecktem Rücken in die Knie. Drückt sich darin Wissen um den schonenden Umgang mit dem eigenen Körper aus oder spiegelt es die Vorteile wider, der Natur eher auf Augenhöhe zu begegnen? „Which Position Can You Keep The Longer Without Getting Tired?“ heißt der Text zum Bild. Das ließe sich auch als lebensphilosophische Frage, als Überprüfung der Haltung im weitere Sinne verstehen.

Gedanklicher

Rohstoff

Wie Attribute, die er in der Hand hält, einen Menschen verändern, selbst wenn die Kamera ihn in derselben Pose und in konstanter Perspektive festhält, dokumentiert die Foto-Serie „Just About the Right Size“. Wie ein gut gemeinter Eingriff in die Landschaft scheitern kann, zeigt die Installation „Copper Pots“. Sie dokumentiert eine Aktion Kinmonts, in der er die verdörrte Natur für einstige Wasserabschöpfungen entschädigen wollte. Seine Bewässerung im buchstäblichen Gießkannen-Prinzip ließ nichts wieder sprießen, Ergebnis war lediglich noch mehr zertrampelter Boden.

Ebenso direkt objekthaft wie poetisch ist „Log Hollowed Out and Filled with the Memory of the Artist“. Kinmont hat einen Pappelstamm, der in der Hitze Kaliforniens ausgedörrt ist, ausgehöhlt und mit greifbaren Materialien wie auch mit immateriellem Stoff, das heißt mit Ideen und Erfahrungen gefüllt. Die von den Bäumen symbolisierte Natur setzt seine Imagination frei und schließt sie ein. Der Künstler verschmilzt symbolisch mit dem Material, welches neben und mit ihm existiert, das den Rohstoff für den künstlerischen Prozess liefert, der in seinem Verständnis Lebensgestaltung ist. Ganz aus gedanklichem Rohstoff besteht die jüngste Arbeit „Listen“, hunderte von Notizzetteln, Zeichnungen und Fotografien. Eine Archiv- und Ateliersituation zieht damit in die Ausstellung ein, Offenheit für und Ursprünglichkeit der Ideen nehmen so Gestalt an. Potenzial und Prozess werden zum Werk. Die Fülle des Repertoires verweist auf die Begrenzung von Werkrealisierungen. Der Künstler schreitet viele Strecken ab, er hinterlässt manche Fußspuren, sein Radius ist begrenzt, sein Weg endlich.

Künstlerhaus Bremen,

bis 1. September.

Mi-So 14-19 Uhr. Katalog

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