Bewegung und Ruhe von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei: Wolfsburger Ausstellung zeigt Kunst der Entschleunigung

Die Kontrolle gerät außer Kontrolle

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„Parade“ heißt dieses Werk von Zhou Xiaohu: „Die Kunst der Entschleunigung“ ist noch bis zum kommenden Frühjahr im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen. ·

Von Wilfried DürkoopWOLFSBURG · „Einzweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit; wir laufen mit“ schrieb Wilhelm Busch, der Meister knapper Texte und bitterer Zeitkritik. Da hatte James Watt längst die Dampfmaschine erfunden und damit die Beschleunigung des Industriezeitalters in Gang gesetzt. Seither sind Künstler begeistert von Maschinen, Bewegung und Schnelligkeit. Gleichzeitig entwickelten sie eine Ästhetik der Langsamkeit.

Die Wolfsburger Ausstellung stellt Verbindungen her, indem sie an den geschwungenen Außenwänden die Arbeiten der Avantgarde der Maschinenbeschleunigung und in abgedunkelten „Entschleunigungskuben“ die stillen Welten zeigt. Sie stellt Futuristen mit ihren dynamischen Farbräuschen und die stillen, wie eingefroren wirkenden urbanen Szenerien Giorgio de Chiricos gegenüber oder die Farb- und Formzerlegungen Robert Delaunays und die Traumwelten Odilon Redons sowie die meditativen Stillleben Giorgio Morandis.

Zu den Optimisten der Technik-Moderne zählt Marcel Duchamp, der auch mit bemalten Scheiben experimentierte, die er in Rotation versetzte, um die Illusion eines Reliefs zu erzeugen. Für seinen kubistisch-futuristischen „Akt, die Treppe herabsteigend“, einem kanonischen Bild der Moderne, ließ er sich von den seriellen fotografischen Aufnahmen Eadweard Muybridges anregen. Als einer der Nachfolger Duchamps gilt der Kinetiker Jean Tinguely, der gemeinhin Schrott tanzen, scheppern und ächzen lässt. In dieser Ausstellung ist von ihm nur ein sich müde auf Schienen hin- und herbewegendes Monstrum zu sehen.

Anfang der 1970er Jahre bekam die Technik-Begeisterung einen Knick – Wissenschaftler hatten von den „Grenzen des Wachstums“ gesprochen – und so arrangierte Mario Merz um Reisigbündel herum auf einem spiralförmigen Glastisch Obst und Gemüse. Joseph Beuys fügte Filzplatten zu neun Stapeln, die er mit einem Stapel aus Kupfer- und Eisenplatten ergänzte. Er wusste von den speichernden und entschleunigenden Eigenschaften des Filzes und den leitenden und beschleunigenden der Metalle. Roman Opalka versenkte sich in das Aufschreiben von Zahlen und On Kawara dokumentierte Tag für Tag das Datum in gemalten Ziffern. Nam June Paik, koreanisch-amerikanischer experiementierfreudiger Zenmeister der Industriekultur, vergrub einen Buddha-Kopf, der einen Monitor betrachtet, auf dem sein in Echtzeit aufgenommenes Antlitz zu sehen ist – ein wunderbarer Kommentar zur medialen Reizüberflutung.

Der Video-Künstler Bill Viola filmte Menschen im Schlaf und Douglas Gordon dehnte Hitchcocks Klassiker „Psycho“ auf 24 Stunden: die Verlangsamung wird zum Instrument, das das Verdrängte, das durch Beschleunigung auf Normalzeit Ausgeblendete, sichtbar macht. Beim Börsenvideo des niederländischen Künstlers Aeronaut Miks scheint die Kontrolle außer Kontrolle zu geraten: Die Händler stehen zwischen allen Stühlen inmitten der flatternden Orderzettel – auf die extreme Beschleunigung des Handelns folgt die totale Verlangsamung.

Ein stilles Werk Mark Rothkos oder Franz Gertschs großer Holzschnittzyklus, der über drei Tafeln hinweg die Bewegung der in den Fluss „Schwarzwasser“ fallenden Regentropfen verfolgt und damit dem Moment zeitlose Dauer verleiht, entfalten ihre Wirkung nahe des Japan-Gartens des Museums.

In der Ausstellung wird nicht Fortschritt gegen Langsamkeit ausgespielt. Es wird deutlich, dass die Geschichte der Moderne auch eine Geschichte sich ergänzender Tendenzen ist. Das ahnte schon Goethe, dessen „Stein des guten Glücks“ – ein großer roter Sandsteinquader mit einer ebenso großen Steinkugel darauf – ein Symbol ist für Stillstand und Bewegung.

Vielleicht könnte man sich in einer sich beschleunigenden Welt ein Beispiel nehmen an Balu, dem sympathischen Bären aus dem „Dschungelbuch“ und es versuchen mit Ruhe und Gemütlichkeit.

Bis 9. April 2012 im Kunstmuseum Wolfsburg. Der Katalog, erschienen im HatjeCantz Verlag, kostet im Museum 39 Euro.

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