Saxophonist Charles Lloyd gab ein kurzes, aber intensives Konzert in der Oldenburger Kulturetage

Ein Kontrapunkt zum Advent

Von Wilfried HippenOLDENBURG (Eig. Ber.) · Die Tenorsaxophonisten waren immer die Schwergewichtler des Jazz, doch neben solchen erobernden Virtuosen wie John Coltrane, Sonny Rollins oder Archie Shepp wirkte Charles Lloyd schon in den 60er Jahren wie ein sanftmütiger Feingeist.

Auch heute kann man ihn noch sofort an seinem Ton erkennen: So warmherzig und behutsam wie er bläst kein anderer. Seine Soli sind eher intensiv als explosiv, und bei ihm spürt man, dass er als ein ewig Entdeckender immer wieder in seinen Improvisationen die Tiefen und Bedeutungen der Kompositionen neu auslotet. So war es auch jetzt in der Kulturetage in Oldenburg, wo Lloyd mit drei jungen Musikern auftrat.

Mit kaum mehr als anderthalb Stunden war der Auftritt eher kurz, und da Lloyd in einem dicken Schal gehüllt auch nicht soviel spielte, wie man dies von einem Bandleader erwarten würde, kann man durchaus darüber spekulieren, ob er gesundheitlich ganz auf der Höhe war. Doch wenn er dann zu seinem Saxophon oder der Querflöte griff, verlor er sich so beseelt und frei in seinen Soli, dass sich im Saal langsam eine für Jazzkonzerte eher ungewöhnlich spirituelle Stimmung ausbreitete.

Wie von solch einem alten Hasen nicht anders zu erwarten, war das Programm dramaturgisch geschickt aufgebaut. Auf schnellen Hardbob folgte eine wunderschön wehmütig interpretierte Ballade, und darauf dann tänzerischer Souljazz in dem Stil, mit dem Lloyd vor vierzig Jahren einer der erfolgreichsten Jazzmusiker seiner Zeit war. Damals spielte der noch sehr junge Keith Jarrett in seiner Band, und auch später waren immer starke Pianisten in seinen Ensembles. Nach Michel Petrucciani, Brad Mehldau, Geri Allen und Bobo Stenson hat Lloyd jetzt mit dem 35-jährigen Jason Moran einen weiteren kongenialen Mitspieler am Flügel gefunden. Wie Lloyd selber war auch er am stärksten in den langsamen Passagen. Hier kam seine romantische Ader und sein melodischer Erfindungsreichtum am besten zur Geltung. Dazu fügten sich der Kontrabassist Reuben Rogers mit seinem warmen, sehr organischen Ton und der für einen Schlagzeuger ungewöhnlich introvertiert spielende Eric Harland perfekt ein.

Lloyd hatte auch immer eine Vorliebe für fernöstliche Musik und Philosophie, und so spielte er als eine seiner Zugaben einen Betgesang, in dem er selber buddhistische Gebete rezitierte, während Eric Harland mit tiefer Bassstimme das Gebetswort „Ohm“ intonierte. Lloyds abschließendes Solo war dann wie eine Meditation auf diese Anrufung – ein musikalischer Kontrapunkt zur vorweihnachtlichen Stimmung des ersten Advents.

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