Im Spiegel alter Helden

Konstantin Wecker feiert 70. Geburtstag in Bremen

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Konstantin Wecker

Bremen - Von Rolf Stein. Dass Konstantin Wecker nicht einfach „business as usual“ betreibt ist offensichtlich. Ebenso wie der Umstand, dass er für seinen 70. Geburtstag keinen besseren Ort zum Feiern kennt als die metaphorische Straße. Am Donnerstag gastierte er im Rahmen seiner im Mai begonnenen Tournee „Poesie und Widerstand“ in der gut besuchten Glocke in Bremen.

Zu hören gibt es Songs und Texte aus den vergangenen fast fünf Jahrzehnten, wobei der Liedermacher neben gefühligen Liebesliedern und Bekenntnissen zum guten Leben auch immer wieder politische Lieder zum Besten gibt, in denen er mit viel Pathos gegen Militarismus, Patriotismus, Nationalismus und Faschismus wettert – ganz ausdrücklich uns, hier und jetzt ins Gewissen gesungen.

Dass Wecker auch eine von Skandalen und Skandälchen umwitterte Figur war, handelt er eher am Rande ab. Ein altes Gedicht, in dem er einem Mädchen auf den Po schaut, kommentiert er mit dem Verweis auf das Alter des Textes, als „peinlich“ gar bezeichnet er einstige Allüren: Dass er einst mit bodenlangem Nerzmantel durch München zog, um möglichst als Zuhälter durchzugehen. Man stelle sich vor, Keith Richards oder Mick Jagger würden ihre Vergangenheit derart schamhaft abtun.

Dabei wirkt Wecker durchaus vital, scheint die Lust am Spielen nicht verloren zu haben, am Lieben und am Kämpfen. Drei Stunden inklusive Pause gibt er seinem begeisterten Publikum, wonach es verlangt: Man vergewissert sich schließlich zu gern seiner selbst im Spiegel eines alten Helden. Und ein bisschen Nonkonformismus mag man sich auch im reifen Alter noch gefallen lassen.

Eine Extraportion großer Gefühle

Als besonderes Schmankerl für das Bremer Konzert hat Wecker Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und der Bremer Philharmoniker eingeladen, die den letzten Block des Konzerts gemeinsam mit Weckers Begleitband ausführen. Das sorgt für eine Extraportion großer Gefühle, allerdings vor allem durch ein Mehr an orchestraler Wucht, ohne dass die Arrangements dadurch tatsächlich an Tiefe gewinnen.

Aber das scheint eben auch ein Grundprinzip des Wecker-Sounds in Wort und Ton: Statt analytischer Schärfe und stilistischer Sprödigkeit, wie sie beispielsweise das Werk seines Kollegen Franz-Josef Degenhardt auszeichnete, ist der klassisch ausgebildete Wecker eher ein Umarmer. Was sich auch in dem gemeinsam mit dem Publikum gesungenen Schlusssatz von Beethovens 9. Symphonie anstimmt, die Hymne demanifestiert.

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