Bremer Künstlerin Elianna Renner erhält den „Dr. Theobald Simon Preis“ 2012 der Gedok

Konfliktherd auf dem Beifahrersitz

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Was können die Schauplätze des historischen Geschehens noch erzählen? Alianna Renner forscht nach den Wurzeln jüdischer Familiengeschichten. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingElianna Renner erzählt Geschichten und Geschichte. Sie verfolgt Erinnerungsstränge, die in ihrer Familie weitergetragen werden. Sie knüpft an Alltagserlebnisse an, in denen sich Konflikte verdichten, in die sie als Jüdin verstrickt ist. Sie greift Zeichen und Klischees auf, die Wahrnehmung leiten – und auch solche, die Erkenntnis vernebeln.

Mit Performance, (Audio-)Installation, Fotografie und Film und in konzentrierten formalen Lösungen gelingen der 1977 in Zürich geborenen Künstlerin nicht nur eindringliche Geschichten, sondern auch präzise Reflexionen von Recherche und Narration. In konzentrierten formalen Lösungen, in denen sie Oral History mit einer reduzierten Ästhetik verbindet, rückt sie Akteure, Orte, Szenen und das Material von Erinnerung und Erzählung, Sprache und Bild nämlich, gleichermaßen spielerisch und offen wie chiffrenreich und konturenscharf ins Licht.

Morgen nimmt Elianna Renner, die zunächst an der Hochschule für Künste Bremen Malerei bei Karin Kneffel und dann von 2005 bis 2008 bei Jean-Francois Guiton am Atelier für Zeitmedien studiert hat, in Bonn den „Dr. Theobald Simon Preis“ entgegen. Die bundesweit ausgeschriebene Auszeichnung wird vom Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V. (Gedok) verliehen.

Zur Verleihung muss die Künstlerin eine lange Reise unternehmen. Derzeit recherchiert sie mit Hilfe eines DAAD-Stipendiums rund um den Globus. Sie ist auf den Spuren eines jüdischen Zuhälterrings unterwegs, der zwischen 1860 und den 1930 galizische Mädchen und Frauen nach Südamerika, Südafrika und Asien verschleppt hat.

Elianna Renner ist zufällig durch einen jiddischen Tango auf das Thema gestoßen. Es spiegelt ihr zentrales Interesse wider: Was können die Schauplätze des historischen Geschehens noch erzählen? Was ist übrig geblieben und wird noch nicht von den Archiven und Geschichtsbüchern verzeichnet, abgebucht und verwaltet? Was tragen die Nachkommen in der dritten, vierten, fünften Generation weiter? Was befördert die Überlieferung, was hemmt sie, was verhindert sie vielleicht sogar?

In einem früheren Projekt ging Renner an den Ort der Jugend ihrer Großmutter. Nagyi Klari lebte bis 1944 in Budapest und wurde dann erst nach Bergen-Belsen und anschließend in die Schweiz verbracht. Renner besuchte die ungarische Hauptstadt und bat Passantinnen und Passanten in der Straße, in der ihre Großmutter gelebt hat, auf einem großen Notizzettel eine Grußbotschaft an die alte Frau zu richten. An diese Bitte schlossen sich Gespräche an, Erinnerungen wurden freigesetzt, verbunden mit Tränen aber auch ausgelassenem Lachen. Die Fotografien der Gesprächspartnerinnen mit ihren Grüßen überreichte Renner schließlich ihrer Großmutter. Ein Audiodokument gibt deren Reaktion wieder. Die Frau, die bislang über ihre Jugend geschwiegen hatte, übersetzt die Grüße, mokiert sich über manchen Schreibfehler und beginnt schließlich zu erzählen.

„Bobe Mayses“, so ist die Ausstellung in Bonn betitelt, die der Preisverleihung folgt (12. Januar bis 10. Februar), könnte mit „Omas Erzählungen“ übersetzt werden, aber auch mit „Geschichten erzählen“ im Sinne von Erfindungen, im Sinne von „einen Bären aufbinden“. Fund und Erfindung liegen in den Arbeiten Renners wie in jeder Erinnerung stets eng beieinander, ebenso Ernst und Humor. Hinter einer vermeintlich einfachen, in jedem Fall klaren und übersichtlichen Oberfläche öffnet sich ein weiter Assoziations- und Gedächtnisraum.

Die Arbeit, für die Elianna Renner im Jahr 2009 mit den Bremer Förderpreis ausgezeichnet wurde, ist mit einem Datum betitelt: „22.01.08“. Eine Begegnung an diesem Tag fasst die Künstlerin in ein beeindruckendes Bild und eine fesselnde Geschichte. Zuerst die minimalistische, dabei suggestive Form: Ein abgedunkelter Raum, eine schwarze Säule, ein weißer Schalter, der zum stillen Akteur aufsteigt. Eine Lampe beleuchtet den Lichtschalter. Demnach scheint sie ausgerichtet auf ihre Inbetriebnahme. Eine absurde Schleife? In diesem Fall steuert der Schalter nicht das Licht, sondern eine Tonspur. Bei Betätigung des Schalters startet oder stoppt eine Erzählung. Der Besucher wird somit an eine willkürliche Stelle der Erzählung geworfen.

Erzählt wird von der Unterhaltung eines Palästinensers und einer Jüdin, die eine gemeinsame Autofahrt zufällig zusammengeführt hat. Der Nahost-Konflikt wird bemüht ausgeblendet. Dennoch bauen sich in der Enge des Fahrzeugs Unbehagen und Unsicherheit auf. Zugleich wird die Absurdität und Irrationalität der Situation sinnfällig.

Die Szene macht deutlich, dass auch Unbeteiligte, zufällig Hineingeborene zwischen die Fronten eines weltpolitischen Konflikts geraten, dass der Konfrontation politischer und kultureller Lager auch im privaten Alltag und fern der Konfliktherde nicht zu entkommen ist, dass es keinen individuellen Schirm gegen die politische Großwetterlage gibt. Vielleicht hilft doch nur das Gespräch, Stoff könnten die eigenen Geschichten und die erinnerte Geschichte sein. Nur so entsteht Identität, nur so gelebter Austausch.

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