„Analysieren und teilnehmen“: Der Maler und Zeichner Karl Heinrich Greune in der Städtischen Galerie Bremen

Komposition als Prozess

Leinwand-Skizze eines Paris-Aufenthalts von Karl Heinrich Greune. ·
+
Leinwand-Skizze eines Paris-Aufenthalts von Karl Heinrich Greune. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingDer erste Eindruck: einladende Vitalität, vibrierende Bewegung. Großformate mit dynamischen Farbhieben und schlängelnden grafischen Kürzeln füllen die Wände der großen Halle in der Städtischen Galerie Bremen. Im Raum sind Stelen verteilt, die den Saal gliedern und mögliche Wege weisen, die dem Blick Halt geben und das Auge zugleich wandern lassen.

Die Bilder an den Wänden, gewichtige Hauptwerke, entstanden in den 70er- und 80er-Jahren. Die kleineren Arbeiten auf den Stellwänden malte Karl Heinrich Greune zwischen 2005 und 2013 in Paris, Leinwandskizzen, auf Keilrahmen kaschiert. Unbedeckte Spalten an den Seiten öffnen und dynamisieren die Malereien, vermitteln den Eindruck von Rollbildern und verleihen den Arbeiten zugleich Objektcharakter.

Ältere und neuere Arbeiten korrespondieren wirkungsvoll. Die Präsentation schließt in ihrem im Passagencharakter direkt an Struktur und Wesen der Werke an: Es sind Bilder von und nach Reisen. Und es sind Bilder als Reisen, Nachklänge von Exkursionen in ferne Länder und näher liegende Kunstmetropolen, durch Räume und Zeiten. In den atmosphärisch reichen Kompositionen liegen Bahnenbündel und Brückenschläge dicht an dicht. Erinnertes Geschehen wird aktualisiert und unmittelbar gegenwärtiges Gestalten realisiert.

Die Greune-Schüler Peter-Jörg Splettstößer und Horst Müller haben die Ausstellung anlässlich des 80. Geburtstages des langjährigen Professors der Bremer Hochschule für Künste konzipiert und aufgebaut. Die Inszenierung belegt ihre Werkkenntnis: Besser hätte man das Wesen von Greunes Schaffen und Denken kaum anschaulich machen können.

Ein zentrales Merkmal, das sich viele Arbeiten und alle Werkepochen zieht, ist der Feldcharakter der Kompositionen. Die linearen Formationen, mal vielfarbig, mal monochrom, mal wuchtig präsent oder still und verhalten, streuen über die Fläche und bilden verschiedene Zentren. Sie deuten Figürlichkeit an oder treten ungegenständlich auf. Doch auch als abstrakte Formeln gewinnen sie im Wechselspiel Zeichencharakter und erinnern an gesehene Wirklichkeit: an Landschaften oder Architekturen, immer wieder an Gruppenbildnisse, an Szenen und Ereignisse von Kommunikation und Korrespondenz. Dies vollzieht sich stärker auf einer spür- als auf einer sichtbaren Ebene. Es sind vor allem Kräfte und Gewichte, die in Greunes Bildern wirken. Es ist weniger von Gestik zu sprechen, als von Bewegungsspuren gedanklicher und emotionaler Prozesse.

Der Prozesscharakter ist das weitere zentrale Charakteristikum von Greunes Werk. Damit rückt das Moment der Zeit in verschiedenen Facetten in den Blick. Zeit als Entwicklung, Zeitliches als Motivlieferant und als Strukturmoment ausgreifender und fortschreitender Formfindung. Eine Setzung bringt das Bildgeschehen auf den Weg. Es folgen Reaktionen und Reflektionen. Die assoziative Anordung wurzelt in Spontaneität, wobei Greune diese nicht als zufälligen, willkürlichen Akt betrachtet, sondern im Sinne fernöstlichen Denkens als ein Weg, den Ursprung zu treffen. Die aus dem Augenblick heraus auftauchenden Schwünge streben nicht nach Verfestigung, sondern zu einer Intensivierung und Dynamisierung der Wahrnehmung. Diese wird auf der Wanderschaft im Bild reicher, bewahrt aber Ursprünglichkeit.

Greune will dem Betrachter größtmögliche Freiheit bieten. Er strebt „sinnliche Erkenntnis“ an: „Ein Analysieren und ein Teilnehmen ist gefragt, wenn eine Begegnung und wechselseitige Erhellung von Disparatem vonstatten geht. Nicht alles kann in gleicher Weise beeinander bleiben. Man muss sich in die Prinzipien hineindenken, weil man auf verschiedenen Ebenen reagieren muss.“

Zwischen der Malerei finden sich plastische Objekte. Auf Glasplatten macht der Künstler deutlich, was auch für seine Leinwände gilt: die Bewegung der Malerei im Raum sowie ihre Transparenz. Konstitutiv für Greunes Kompositionen sind nicht nur Zusammenballungen, sondern auch die Zwischenräume und Leerstellen, die Anhalten und Innehalten ermöglichen, die das sinnliche Erleben und die Reflexion von Bildgestalten mit Spiritualität anreichern. In den Objektkästen finden sich zudem Abgüsse menschlicher Wirbel. Der Aspekt der Abformung, der Abnahme der Wirklichkeit komplettiert die skulpturalen Studien zum Thema Bild.

Den Abschluss der Schau bilden ganz spezielle Papierarbeiten. Grafiken Greunes haben durch die Zeichenmaschine des Bremer Künstlers Wolfgang Zachs eine andere Stofflichkeit und Tonigkeit gewonnen. Blätter nach Motiven Rembrandts, van Goghs und Michelangelos finden sich neben einem Holzschnitt, in dessen dichtes Gewebe mit pflanzlicher Anmutung der Künstler wenige Farbbahnen gesetzt hat. Diese öffnen das Bild auf verblüffende Weise. Ein großes Querformat mit dem Titel „west-östlich“ ist in Streifen gegliedert, japanische Motive wechseln mit dem Bild einer Hütte aus einem Werk van Goghs ab. Punkte unter einem Bogen fungieren als abstraktes Leitmotiv. Japanische Tänzerinnen tauchen in unterschiedlichen Posen auf. Hier lässt sich auf Anekdotisches hinter den malerischen Ereignissen verweisen: Greune erinnert hier die Teilnahme an einem Tanz, bei dem er den Bewegungen anderer gefolgt ist. Der Tanz und die Musik, das sind weitere wichtige Elemente und Referenzen im Werk Greunes, dem kundigen und leidenschaftlichen Hörer. Sein Werk gleicht Partituren mit eigener Melodieführung, Rhythmisierung, Dynamik. Was sich in der Musik im Zeitverlauf abspielt, verteilt sich hier auf der Fläche und im Bildraum: Sequenzen, Wiederholung, Dynamik, Puls, Bewegung, Fluss.

Die Schau macht in ihrer Gegenüberstellung von älteren und jüngeren Werken Veränderung im Schaffen des Bremer Künstlers deutlich: seine „ikonische Wende“, wie er es nennt, eine Entwicklung von Bildern, die durch Struktur und Licht bestimmt waren, zu einer eigenen Ikonografie. Was sein Schaffen weiter bestimmt, ist eine faszinierende Dialektik von Abstraktion und Körperlichkeit, Stofflichkeit und Gedanklichkeit, Sinnlichkeit und Spiritualität. Der Betrachter erlebt ein malerisches Geschehen, das einen großen philosophischen Kosmos einschließt.

Städtische Galerie Bremen, bis 1. September. Di-Sa 12-18 Uhr. So 11-18 Uhr. Eintritt: 4 Euro.

Eröffnung heute 19 Uhr

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Karpfen werden umgesiedelt

Karpfen werden umgesiedelt

Impressionen vom Bremer Freimarkt 2021

Impressionen vom Bremer Freimarkt 2021

Dampftag im Kreismuseum

Dampftag im Kreismuseum

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Meistgelesene Artikel

„Entführung aus dem Serail“ in Oldenburg

„Entführung aus dem Serail“ in Oldenburg

„Entführung aus dem Serail“ in Oldenburg
Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut

Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut

Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut

Ein Theaterstück ohne Theater

Ein Theaterstück ohne Theater
Liebe in Zeiten der Ironie: Für jede Erklärung eine kleine Schweinerei

Liebe in Zeiten der Ironie: Für jede Erklärung eine kleine Schweinerei

Liebe in Zeiten der Ironie: Für jede Erklärung eine kleine Schweinerei

Kommentare