Für Einsteiger und Insider: Viel Geläufiges und manch Neues von Glenn Gould

Die Komposition als Anregung

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Für Einsteiger und Insider: Viel Geläufiges und manch Neues von Glenn Gould.

Syke - Von Jörg Worat. New York, Januar 1966. Elisabeth Schwarzkopf ist befremdet. Die Starsopranistin will zusammen mit dem kanadischen Pianisten Glenn Gould Lieder von Richard Strauss aufnehmen, doch ihr Begleiter gebärdet sich eigenartig.

So ist auf sein Geheiß das Studio extrem überheizt, auch zeigt Gould kein sonderliches Interesse am zwischenzeitlichen Überprüfen der Aufnahmeergebnisse. Und was die stets auf Werktreue bedachte Sängerin wohl am allermeisten stört: Der Pianist geht sehr frei mit dem Material um, verändert das Tempo von Take zu Take und manchmal sogar den Notentext. Nach dem zweiten Tag wirft die Diva entnervt das Handtuch – die Aufnahmen werden abgebrochen.

Eine typische Episode für Glenn Gould, der vor 80 Jahren geboren wurde und vor 30 Jahren starb. Ob Genie, ob Wahnsinniger, ob Scharlatan, ob alles zugleich: Die Meinungen über ihn gehen weit auseinander. Kalt lässt er jedenfalls kaum einen Freund des Klavierspiels, und an seinen Bach-Einspielungen, insbesondere den beiden der „Goldberg-Variationen“, kommt man nicht vorbei. Gould war der Inbegriff des musikalischen Gestalters, der die Kompositionen eher als Anregung zu ureigener Interpretation verstand. Mit eben oft stark polarisierenden Resultaten: Mozarts Werke, vor allem die späteren, hielt der Pianist etwa für höchst mittelmäßig, was ihn nicht daran hinderte, sämtliche Klaviersonaten dieses Komponisten einzuspielen – das Ergebnis wird von manchen Mozartfans für eine blasphemische Parodie gehalten.

Gould ist aber nicht nur mit seiner Musik bekannt geworden, sondern mindestens in gleichem Maße durch seine zahlreichen Marotten. Die Neigung, beim Klavierspiel mitzusingen oder laut zu summen, hat nicht nur Aufnahmetechniker an den Rand des Wahnsinns getrieben. Berüchtigt auch der Stuhl, auf dem Gould in seltsam verkrümmter Haltung zu kauern pflegte und der niemals ausgetauscht werden durfte, auch nicht, als die Sitzfläche schon hinüber war. Selbst als Autofahrer machte der Pianist aufgrund seines unorthodoxen Stils Schlagzeilen: „Ich glaube, man kann mich als geistesabwesenden Fahrer bezeichnen“, räumte er ein. „Es stimmt, dass ich gelegentlich bei ,Rot’ über die Ampel gefahren bin. Andererseits habe ich auch schon oft bei ,Grün’ gestoppt, und das hat man mir nie zugute gehalten.“

Zum doppelten Jubiläumsjahr hat Sony eine Reihe von Neu- und Wiederveröffentlichungen auf den Markt gebracht. So enthält eine preiswerte Box auf 38 CDs und 6 DVDs Goulds kompletten Bach. „Glenn Gould – Musik und Leben eines Genies“ eignet sich womöglich besonders gut für Einsteiger: Die Ausgabe umfasst ein fast 200 Seiten starkes Büchlein, unter anderem mit einem launigen „Gould-ABC“, sowie zwei CDs (die allen Ernstes „Glenn Gould spielt Bach“ und „Glenn Gould spielt nicht Bach“ heißen). Von Insidern sehnlichst erwartet waren „The Complete CBC Broadcasts 1954-1977“, zehn englischsprachige DVDs mit legendären TV-Auftritten Goulds, der dabei jede Menge Charisma an den Tag legt.

Und die Doppel-CD „Die Schwarzkopf-Bänder“ enthält nicht nur eine interessante Dokumentation des eingangs beschriebenen Gipfeltreffens, sondern auch sechs Lieder, die Schwarzkopf und Gould trotz aller Zerwürfnisse zustande gebracht haben, drei davon als Erstveröffentlichungen. Und siehe da: So schlecht klingt das gar nicht.

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