Zum Tod des Komponisten und Wahlbremers

Klaus Huber: Der Ohrenputzer

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Klaus Huber 2009 während einer Pressekonferenz auf der Biennale in Salzburg.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. In den vergangenen Jahren ist es still um ihn geworden, und doch war er immer da: Die Rede ist vom Schweizer Komponisten Klaus Huber. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren in Perugia gestorben.

Noch bis zum Ende seines Lebens besuchte er Konzerte – vor allem auch die der Kompositionsklasse der Hochschule für Künste Bremen. Die zukunftsweisende Schönheit seiner sensiblen Musik bleibt ebenso präsent wie seine kompromisslose Haltung einer „Ästhetik des Widerstands“ (auf den Romantitel von Peter Weiss hat er sich immer wieder bezogen). Ein Blick auf die Musik, für den Huber auch ausgezeichnet wurde: Er erhielt den höchsten deutschen Kunstpreis, den mit 250 000 Euro dotierten Ernst von Siemens Preis. „Ich versuche“, hat er einst gesagt, „in der Musik, die ich mache, das Bewusstsein meiner Zeitgenossen, die wie wir alle zu schlafenden Komplizen weltweiter Ausbeutung geworden sind, hier und jetzt zu erreichen, zu wecken“.

Gemessen an politischer Haltung

Huber wurde am 30. November 1924 in Bern in der Schweiz geboren, hat in Zürich Kirchenmusik, Komposition und Geige studiert und lehrte als einflussreicher Professor für Komposition seit 1973 in Freiburg. Dort prägte er als Leiter des von ihm gegründeten Instituts für zeitgenössische Musik nicht nur das Können, sondern vor allem auch das Bewusstsein von mindestens Generationen von Studenten: Reinhard Febel, Brian Ferneyhough, Younghi Pagh Paan, Wolfgang Rihm, Kaija Saariaho und viele andere gehörten zu ihnen. Die Technik und die Entwicklung des kompositorischen Handwerks wurde bei ihm strengstens an der politischen und moralischen Haltung gemessen, Huberts Vorbild war in dieser Hinsicht der italienische Komponist Luigi Nono. Seine Musik als „Bekenntsnismusik“ zu bezeichnen, dagegen hatte der Komponist nichts, „sofern man bereit ist, darunter nichts Subjektivistisches zu verstehn“.

Hubers musikalisches Denken operierte dabei mit dreierlei „Materialien“: Es nahm vielfältig auf historische Musik Bezug – wie in den „Lamentationes Sacrae et Profanae ad Responsoria Jesualdi“, in denen er sich dem großen Karwochenzyklus des Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo näherte. Mittelalterliche Schriften inspirierten ihn in gleicher Weise wie zeitgenössische Texte. Huber bezog sich auf die Bibel ebenso selbstverständlich wie auf die Schriften des nicaraguanischen Revolutionärs Ernesto Cardenal, er orientierte sich am Werk der Sozialistin und Mystikerin Simone Weil oder – wie in seinem Streichtrio „Des Dichters Pflug“ – an der archetypischen Bilderwelt des russischen Dichters Ossip Mandelstam, über den er auch seine Oper „Schwarzerde“ (2001) schrieb.

„Steht alle auf, auch die Toten“

In der jüngsten Vergangenheit suchte Klaus Huber dabei immer mehr nach Verinnerlichung und Differenzierungen der Klanglichkeit – darin nicht unähnlich dem Spätwerk seines Freundes Nono. Beispielhaft dafür ist die „lentissimo“ und „pianissimo“-Einleitung von „Umkehr – im Licht sein“ aus dem Jahr 1997. Dieses programmatische Bestreben hat Huber kontinuierlich weitergetrieben und dabei immer mehr musikalische Konventionen hinter sich gelassen. Seit dem Golfkrieg setzte er sich mit außereuropäischen Tonsystemen auseinander und durch sie mit Mikrotonalität und Dritteltönigkeit. „Da ging’s bis zu den kleinsten Blättern“, erinnerte er sich einst, „der Oberteufel auf der Welt ist der Islam. Das konnte ich so nicht sitzen lassen. Da bin ich dem nachgegangen.“ So hat der Komponist im Streichquintett „Ecce Homines“ eine schwebende Dritteltönigkeit mit der arabischen Dreivierteltönigkeit konfrontiert.

Huber bekämpfte, indem er den Zuhörern derartig „die Ohren putzt“, wie er sagte, den europäischen Kulturimperialismus ebenso wie alle Erscheinungen einer sogenannten Weltmusik. Denn es ging ihm „die Interaktion der so reichen wie verschiedenartigen Musikkulturen unseres Planeten, so lange es diesen noch gibt.“ Das Oratorium „Erniedrigt – Geknechtet – Verlassen – Verachtet“ ist daher auch in diesem Sinne sein Hauptwerk der 80er-Jahre. „Steht alle auf, auch die Toten“ schrieb er damals über den vierten Satz. Dass sein hohes künstlerisches Ethos der überragenden Qualität seiner Werke entsprach, machte den Wahlbremer – er war mit der emeritierten Bremer Professorin Younghi Pagh Paan verheiratet – zu den Großen seiner Generation.

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