Komplexes Erzählpanorama

Thomas Lehr erhält morgen den Bremer Literaturpreis für „Schlafende Sonne“

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Im vergangenen Jahr stand Thomas Mehr mit seinem Roman „Schlafende Sonne“ auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, morgen bekommt er den Bremer Literaturpreis.

Bremen - Von Jens Laloire. Dieses Buch scheint eine Zumutung zu sein: mehr als 630 eng bedruckte, absatzlose Seiten voller Perspektivwechsel und assoziativer Sprünge zwischen verschiedenen Zeitebenen. Doch wenn man die ersten 30 bis 40 Seiten bewältigt hat, beginnt der Roman plötzlich einen Sog zu entwickeln – und zwar durch die Biografien, die sich allmählich in diesem dichten Textgewebe entfalten.

Da ist zum einen die Lebensgeschichte der Künstlerin Milena Sonntag, die im Berlin des Jahres 2011 ihre große Ausstellung „Schlafende Sonne“ eröffnet. Diese Vernissage ist nicht nur ein besonderes Ereignis im Leben von Milena, sondern vor allem der Ausgangspunkt für alle weiteren Erzählstränge, denn in einer Art Retrospektive blickt die erfolgreiche Künstlerin zurück auf ihr Leben. Unterwegs zu der Ausstellungseröffnung, die im Morgengrauen stattfindet, ist auch Milenas Mann Jonas, ein Solarphysiker, der sein Leben der Erforschung der Sonne gewidmet hat.

„Schlafende Sonne“, das ist nicht nur der Titel der Ausstellung, sondern auch der Titel von Thomas Lehrs aktuellem Roman, der morgen mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wird. War dieser Anti-Schmöker im vergangenen Herbst offenbar einigen der Juroren in seiner komplexen Konstruktion zu anspruchsvoll, um ihn mit dem Deutschen Buchpreis auszuzeichnen, so war die Bremer Jury angetan von der „großen erzählerischen Kraft und dem sprachlichen Wagemut“ (so in der Begründung).

Bis zum Ersten Weltkrieg

Dass der 60-jährige Berliner Autor ein ebenso stilbewusster wie tiefschürfender Erzähler ist, der keine leichte Kost serviert, weiß man bereits aus großartigen Romanen wie „Nabokovs Katze“ (1999) oder „September. Fata Morgana“ (2010). Stand im Letztgenannten der 11. September 2001 im Fokus, so ist es dieses Mal jener Tag des Jahres 2011, an dem die Vernissage stattfindet. Dieser Sommermorgen mit seinen sich erinnernden Protagonisten – neben Milena und Jonas wäre da vor allem noch Milenas einstiger Dozent Rudolf Zacharias zu nennen – dient als Plattform, um auf die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts zurückschauen. Auf die Wendezeit, auf die Dresdener Kunstszene der 80er-Jahre, auf die Forschungen der Solarphysik und auf vieles mehr.

Immer wieder gibt eine Erinnerung Anstoß, um noch tiefer abzutauchen und einen weiteren Erzählraum auszuleuchten (zeitlich geht es dabei bis zum Ersten Weltkrieg zurück). Das sorgt des Öfteren für Irritationsmomente und erfordert konzentriertes Lesen; doch zugleich öffnen sich alle paar Seiten Passagen, in denen man sich während der Lektüre leicht verlieren kann. Das liegt zum einen an der bilderreichen, oft poetischen Sprache und zum anderen an der thematischen Vielfalt, die Lehr während seiner Erzählung kunstvoll aufblättert. Neben Kunst, Solarphysik und Politik spielt unter anderem auch die Philosophie Edmund Husserls eine zentrale Rolle in dem Werk. Das mag alles in allem auf dem ersten Blick ein wenig abgehoben anmuten, doch tatsächlich sind alle Themen konkret mit Personen und Lebensgeschichten verknüpft – in erster Linie mit jenen des Protagonisten-Dreiecks Milena, Jonas und Rudolf.

Buch Teil eines Erzählprojekts

Diese drei stehen auch im Mittelpunkt in jener Novembernacht, in der der charismatische Dozent Rudolf Zacharias in einer Göttinger Kneipe seine Studenten und vor allem Studentinnen um sich versammelt hat – und in der sich die Kunststudentin Milena und der Physikstudent Jonas zum zweiten Mal begegnen. Ihr erstes Treffen liegt zu jenem Zeitpunkt bereits einige Zeit zurück – während eines Kletterurlaubs im kalifornischen Yosemite-Nationalpark war der abgestürzte und an den Händen schwer bandagierte Jonas eines Nachmittags auf die Zeichnerin Milena getroffen und erstmals Zeuge ihrer Künste geworden: „Sie hatte einige Bäume skizziert und die von weißen Bändern durchzogene Wand des Granitkolosses, der sich vor ihnen aufbaute, eine Fingerübung oder Vorskizze, die sie vielleicht gar nicht auszuführen gedachte. Aber es genügte (wenige Striche genügen immer), um den freudigen Schock auszulösen, den die Begegnung mit einem außerordentlichen Talent bewirkt.“

Auch viele Jahre später, als die beiden längst ein Ehepaar sind, ziehen Milena und ihre Kunst Jonas immer wieder von Neuem in ihren Bann – die Beziehung dieses Paars bildet damit so etwas wie das energiegeladene Zentrum des Romans. Zu Ende erzählt hat Thomas Lehr die Geschichte der beiden trotz der über 600 Seiten allerdings noch nicht. „Schlafende Sonne“ soll lediglich Teil eines über mehrere Bücher angelegten Erzählprojekts sein. Man darf also gespannt sein, wie es weitergeht.

Thomas Lehr: Schlafende Sonne. Hanser, München, 28 Euro.

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