Am Samstag feiert „Maria Stuarda“ Premiere am Theater Bremen

„Es kommt zur Explosion“

Patricia Andress als Maria Stuarda (l.) und Theresa Kronthaler als Elisabeth. - Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Begegnet sind sich die schottische Maria Stuart und die englische Elisabeth I in Wirklichkeit nie. Maria wurde 1587 in England hingerichtet, weil sie an einem Mordkomplott gegen Elisabeth, deren Thron sie beanspruchte, beteiligt gewesen sein soll. Den Konflikt der beiden machte Friedrich von Schiller weltberühmt. Im Zentrum steht ein erfundenes Treffen von Maria und Elisabeth. Nach Schillers Drama schrieb Gaetano Donzetti 1835 eine der großen Opern des sogenannten Belcanto-Gesangs. Das selten gespielte Werk wird jetzt in Bremen von Anna-Sophie Mahler inszeniert und von Olof Boman dirigiert. Wir trafen beide während der Schlussproben.

Herr Boman, Sie sagen, dass „Maria Stuarda“ seit über zwanzig Jahren Ihre Lieblingsoper sei. Warum?

Olof Boman: Das ist eine hochdramatische Tragödie und eine der besten Belcanto-Opern überhaupt. Die Leichtigkeit, mit der Donizetti hier seinen Stil gefunden hat, ist außerordentlich. Er benutzt das ganze Spektrum musikalischer Effekte genial – vom tiefsten Schmerz total leise bis zu rasender Wut mit voller Kraft

Mitte des 19. Jahrhunderts galt Donizetti als Erneuerer und Schöpfer einer neuen Kunstmusik, was ist damit gemeint?

Boman: Genau das. Er entdeckt die charakterisierende Orchestrierung, die Pauke zum Beispiel ist etwas ganz anderes und viel mehr als ein Rhythmusgeber; die Blechbläser mit ihren wundervollen Farben spielen eine größere Rolle als in früherer Musik.

Wie sind die beiden Königinnen charakterisiert?

Anna-Sophie Mahler: Total unterschiedlich. Elisabeth hat eine kontrollierte, härtere Musik, fast wie ein Uhrwerk. Marias Musik hingegen ist verspielt und frei. Im zweiten Akt, wenn Maria sich in der großen Hinrichtungsmusik von der Welt verabschiedet, singt sie große, nicht enden wollende Linien. Boman: Für mich als Dirigenten wirkt sich das so aus, dass ich Elisabeth Takt und Strukturen vorgeben muss, umgekehrt aber mich in der frei strömenden Musik Marias nach der Sängerin richten muss.

Wenn man sich das Finale des ersten Teils anschaut, so singen erst einmal alle sozusagen vor sich hin, geben ihren individuellen Ausdruck, bis Elisabeth und Maria in ihren kontroversen Dialog eintreten. Da fällt auf, dass Elisabeth die gleichen Motive verwendet, die vorher Maria nutzte.

Mahler: Das stimmt genau. Beide haben in sich auch den Charakter der anderen, sie sind zwei Seiten einer Medaille. Wie in einem Schockzustand bleibt die Musik erst stehen. Doch dann kommt es zur Explosion. Selbstkontrolle und Vernunft explodieren gegen Gefühl und Emotion. Die Bühne ist bei uns eine Art Bunker und Überwachungsraum, er wird aber im Laufe des Abends immer mehr zu einem Spiegelraum, indem sich Maria und Elisabeth begegnen, als wären sie ein und dieselbe Person.

Welche Rolle spielen die Männer in diesem Frauendrama, besonders Graf Leicester, der wohl in beide Frauen verliebt ist?

Mahler: Nein, Graf Leicester liebt Maria. Er hat wunderbare scheinbare Liebesduette mit Elisabeth, in denen er aber von der Schönheit der anderen singt. Damit quält er Elisabeth, die sich nach Liebe sehnt, aber sie nicht zulassen kann, bis aufs Äußerste. Dass sie das Todesurteil unterschreibt ist bei Donizetti eine rein emotionale Entscheidung. Aus Rache an Leicester.

Herr Boman, Sie kommen aus der sogenannten historischen Aufführungspraxis. Was hat dieser Zugang für Folgen für eine 1835 geschriebene Musik?

Boman: Jede Musik steht in einer Entwicklung, hat ihre Herkunft. Wir begegnen in Donizettis Musik vielen Gesten aus dem Barock und der Klassik, auch vielen Zuständen wie Traurigkeit. Mahler: An Olofs Dirigat fallen mir die Flexibilität und die Farbigkeit auf. Das ist entscheidend bei dieser Musik.

Der italienische Komponist Luigi Nono hat über die Belcanto-Kultur gesagt: Wenn Gedanken klingen könnten, klängen sie sehr hoch. Er bezog das auf Vincenzo Bellini. Gilt das auch für Donizetti?

Boman: Ich denke, die Idee, die dahinter steckt, ist die, dass die Emotion, die Seele in den Gesangslinien mit den Verzierungen und Koloraturen liegt. Wenn das ein Sänger nicht schafft, wird es zur Feuerwerksmusik ohne Tiefe. Aber wir haben fantastische Sänger, die es wunderschön machen. Fürs Orchester ist ein guter Gesang einfach zu begleiten, weil die gesungene Musik alles, wirklich alles sagt. Bei Wagners Liebestod der Isolde ist das Gegenteil der Fall: Wenn die Isolde gar nicht da ist,klingt die Musik auch ohne Gesang.

Sie haben vor drei Jahren gemeinsam „Orlando furioso“ von Vivaldi erarbeitet. Wie ist es, wenn man schon weiß, wie der andere tickt?

Boman: Es ist viel entspannter. Beim ersten Mal mit Anna fand ich es am Anfang schwierig, ihre Ideen mit der Musik zu kombinieren, weil sie bald ganz andere hatte und dann noch wieder andere. Jetzt lass’ ich sie erstmal, das wird schon was. Und zwar etwas Gutes! Mahler: Ich habe gelernt, der Ausdehnung der Musik zu vertrauen und so zu entdecken, dass es um seelische Entwicklungen geht, nicht um Stillstand.

Premiere am Samstag, 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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