Seine Diagnose war zutreffend, aber die Therapie versagte: Intendant Hans-Joachim Frey verlässt das Theater Bremen

Vom Kommerz verschlungen

Überbordender Kommerz: Hans-Joachim Frey scheiterte mit einem auf Glanz und Glamour getrimmten Konzept.Archivfoto: dpa

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Am Theater Bremen wird in diesen Tagen kräftig durchgelüftet: raus mit dem Parfumgeruch der High-Society, auf dass in frischer Luft endlich wieder Kunst statt Marketing entstehe. Unbändiger Tatendrang ist auf den Fluren förmlich mit Händen zu greifen. Und wer mit Angestellten des Hauses spricht, muss den Eindruck gewinnen, es ließe sich nirgendwo besser arbeiten als in dem Vierspartenbetrieb am Goetheplatz.

Nirgendwo besser? Noch vor wenigen Jahren kreiste der Pleitegeier über der Bühne, ein Notlagentarifvertrag wurde eilig beschlossen, ein abgekämpfter Theaterintendant Pierwoß warf das Handtuch. Sein Nachfolger setzte radikal auf Erhöhung des Kostendeckungsgrads, überhob sich am Ende aber mit einem Musical-Projekt, das den Schuldenstand in ungeahnte Höhen schraubte.

Aktueller Stand: Zwar ist für die Begleichung der Altschulden jetzt die Stadt zuständig, dafür muss das Haus bis 2014 mit einem um 845 000 Euro niedrigeren künstlerischen Etat auskommen, das Marketing-Budget ist um 100 000 Euro geschrumpft. Für die neue Spielzeit mussten Oper und Schauspiel ihr Programm um jeweils eine Produktion abspecken. Und: Der Notlagentarif gilt selbstverständlich weiterhin. Auf 16,1 Milliarden Euro ist die Verschuldung Bremens mittlerweile angewachsen, allein für die Zinsen gehen pro Jahr rund 650 Millionen Euro drauf. Eine erste Kürzungswelle hat die Kulturszene bereits erreicht, betroffen unter anderem erneut das Theater. Düstere Aussichten.

Gleichwohl freut man sich am Goetheplatz. Darüber, endlich wieder Kunst machen zu dürfen. Doch das mit dem kalten Theatermanager, der aus bloßer Ignoranz drei Jahre lang nur kommerzielle Events duldete und mit seinem Abtritt nun endlich das goldene Zeitalter der Hochkultur ermöglicht: Ganz so einfach lässt sich die Geschichte von der Intendanz Hans-Joachim Frey nicht erzählen.

Als der vormalige Direktor der Dresdner Semperoper nach seiner ersten Spielzeit in Bremen Bilanz zog, jubelten Journalisten wie Politiker gleichermaßen. Elf Prozent mehr Zuschauer, eine Erhöhung der Eigenfinanzierung von 12 auf 17 Prozent: So sah nach Meinung vieler ein zukunftsfähiges Theater aus. Heute, nach dem Scheitern des Intendanten, will niemand mehr gejubelt haben.

Dabei ist der Grund für diese Scham nicht recht ersichtlich. Denn tatsächlich gab und gibt es angesichts des absehbaren Niedergangs staatlicher Kulturförderung keine Alternative zur Anhebung der Eigenfinanzierung. Und wer den Restbestand der Förderung vor politischen Populisten schützen will, wird immer auch auf den Rückhalt in der Bevölkerung – heißt: nennenswerte Publikumszahlen – angewiesen sein.

Das Unterbreiten kommerzieller Angebote, um mit dem Gewinn den Kostendeckungsgrad zu erhöhen, das ist ein bei vielen angesehenen Kultur-Institutionen erfolgreich erprobtes Verfahren. Das Problem des Freyschen Konzepts bestand weniger in seiner grundsätzlichen Zielsetzung, sondern vielmehr in seiner konkreten Umsetzung. So war das kommerzielle Geschäft nicht lange eine reine Zusatzleistung, sondern nahm schon bald entscheidenden Einfluss auf künstlerische Inhalte.

Entscheidend wirkte sich dieser Umstand insbesondere auf die Schauspielsparte aus – was nicht zuletzt der Kunstform selbst geschuldet war. Schauspiel, das ist zunächst einmal eine Kunst der konkreten Behauptungen. Wo sich Oper mit ihrer deutlich abstrakteren Aussageform der Musik absichern kann, bleibt dem Sprechtheater allein das Wort. Der eigens als Führungskraft engagierte Regisseur Christian Pade versprach denn auch politisches Theater, musste aber bald ansehen, wie sein eigener Anspruch vom allgegenwärtigen Promi- und Glamourgetöse niedergebügelt wurde. Der Wohlfühlfaktor dominierte den Spielplan, Unannehmlichkeiten wie politische Diskurse oder gar provozierende Kritik passten da nicht hinein. Sogar von unmittelbaren Eingriffen des Intendanten in die Produktionen war am Haus die Rede: etwa dem Verbot eines Che-Guevara-Motivs aus Sorge vor der gutbürgerlichen Klientel.

Pade quittierte entnervt den Dienst, Frey nahm sich fortan zurück. Die Folge: ein paar durchaus überzeugende Einzelproduktionen wie Frank-Patrick Steckels Sicht auf Brechts „Heiliger Johanna der Schlachthöfe“ oder auch Schillers „Räuber“, inszeniert von Volker Lösch. Ein Stil aber, eine eigene Identität konnte das Bremer Schauspiel bis zuletzt nicht entwickeln.

Oper und Tanz vermochten es als abstraktere Kunstformen noch am Ehesten, sich dem überbordenden Kommerz zu widersetzen, beziehungsweise sich mit ihm zu arrangieren. Anders als im Schauspiel schließen hier Konsumeignung und künstlerischer Anspruch einander nicht zwingend aus. So überzeugte Ligetis „Le Grand Macabre“ in der Regie von Tatjana Gürbaca ebenso wie die Uraufführung der Film-Adaption „Gegen die Wand“. Ein künstlerisches Konzept aber, ein grundlegender Stil? Regie-Antiquar Michael Hampe hatte dafür zu sorgen, dass sich im Publikum niemand von etwaigen künstlerischen Kontroversen belästigt fühlt. Blutorgien und Pin-Up-Girls gab es nur, wenn die „schöne Katharina Wagner“ (Bild-Zeitung) Regie führte – dann aber gleich mit „Public Viewing“ auf dem Goetheplatz.

In der Theatergalerie schließlich durften Künstler ausstellen. Voraussetzung war zumeist allerdings, mit einer „Tatort“-Kommissarin liiert zu sein, eine große Schauspielerin zur Mutter zu haben oder ähnliche Verbindungen vorweisen zu können. Gastreferenten des „Internationalen Kulturforums“ waren bevorzugt der lokalen Wirtschaft genehme Persönlichkeiten, und für den vom Theater mitverantworteten „Stadtmusikantenpreis“ – eine nach absurden Kriterien vergebene, mithin typisch bremische Auszeichnung – suchte man sich Allerwelts promis aus. Am Ende verschlang die Kommerzrevolution in Form von „Marie Antoinette“ ihren eigenen Vater.

Die drei Jahre unter Hans-Joachim Frey brachten erst künstlerische Beliebigkeit, dann neues Publikum und am Ende dennoch den finanziellen Bankrott: ein Totalschaden, allerdings an einem Gefährt, das von Beginn an mehr Rostbeule als Ferrari war. Diesmal hat die Stadt noch eine Reparatur mit anschließender Weiterfahrt gestemmt. Abhängig von den politischen Rahmenbedingungen könnte der nächste Crash schon das endgültige Aus des Theaters bedeuten.

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