Der Berliner Robert Barta lässt in der Bremer GaDeWe Besucherhände zittern

Kot und Kollateralschäden

Robert Barta: Bremen Open. ·
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Robert Barta: Bremen Open. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingWer den Gästebucheintrag in einer Ausstellung ansonsten als albernes Ritual umkurvt, sollte diesmal eine Ausnahme machen. Sobald der Besucher dem Pult in der Bremer GaDeWe näher tritt, gerät der Schreibuntersatz in heftig ste Vibrationen. So füllen Wellenlinien die Seiten, grafisch reizvoll, allemal interessanter als die sonst üblichen, Kunst und Künstlern wohlgesonnenen Worte.

Robert Barta bestimmt den Gebrauch von Objekten neu, kehrt Perspektiven um und schärft unsere Wahrnehmung, indem er ihr Fallen stellt. Buchstäblich ortsbezogen hat der in Berlin lebende Künstler in einen Biergartentisch ein Bremer Gebräu eingebaut, die Kronkorken an der Oberfläche, die Flaschen unter der Tafel. „Bremen Open“ heißt das Werk. Die Fixierung mag den Durstigen traurig stimmen. Das merkwürdige Arrangement weckt aber sogleich Assoziationen an manch skurriles rituelles Zechen. Barta entwickelt aus seiner Beo bachtung des Alltags absurde Wendungen. Dekonstruktion und Komik sind seine Werkzeuge, den Dingen auf den Grund zu gehen.

„Neubausiedlung“ nennt er eine Ansammlung von Vogelkäfigen, die eine Galeriewand füllt. Die Vielfalt der Architektur ist bemerkenswert. Hier hat sich höheres menschliches Individualitätstreben ins Tierreich geschlichen. Geflügelte Bewohner sind weder zu hören, noch zu sehen. Dafür füllen deren Ausscheidungen Wände und Boden, auch ein Deckenleuchter bleibt nicht verschont. Die Kotkleckse wirken täuschend echt, hier hat der Bildhauer meisterhaft Hand angelegt. Grau-weiß-cremige Bemalung macht die Illusion perfekt. Dass die Neubausiedler allerdings die Fähigkeit besitzen sollten, mit ihren Verdauungsorganen zu schreiben, mag dann doch stutzig machen. „Gentrification“ ist auf den Boden geschissen, das Wort muss erlaubt sein, die unappetitlichen Spuren können als Protest vertriebener Altbewohner aus dem Neubaugebiet verstanden werden.

In seinen Zeichnungen konstruiert Barta merkwürdige Korrespondenzen und Kreisläufe und bastelt an bizarren kinetischen Objekten. Bewegung ist ein zentrales Thema seiner Arbeiten: Motorik und Mechanik, Bewegung von größten Maschinen bis zu kleinsten Molekülen. Motorisierung und Mobilität ist nicht ohne Kollateralschäden zu bekommen. Was Barta auf Papieren gesammelt hat, erschließt sich zwar schnell, doch dass er die toten Insekten mit einer Platte auf dem Autodach abgefangen hat, muss man nicht unbedingt erraten und mögen.

GaDeWe, bis 20.7.; Mi. und Fr. 15-19 Uhr, Do. 15-21 Uhr

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