Verdis „Otello“ feiert in Bremerhaven Premiere / Katja Bördner als Desdemona

Koffer auf Wüstensand

Noch gehen Otello (Ray M. Wade junior) und Desdemona (Katja Bördner) vertraut miteinander um. Später wird die Frau auf einem Steg erdrosselt gefunden. ·
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Noch gehen Otello (Ray M. Wade junior) und Desdemona (Katja Bördner) vertraut miteinander um. Später wird die Frau auf einem Steg erdrosselt gefunden. ·

Von Wolfgang DenkerBREMERHAVEN · Der letzte „Otello“ in Bremerhaven liegt zehn Jahre zurück. Auch damals stand Stephan Tetzlaff bei der traditionellen Weihnachtspremiere am Pult des Städtischen Orchesters und überzeugte mit einer rundum packenden Leistung. Nun war es nicht anders: Sein „Otello“-Dirigat war wie aus einem Guss, prachtvoll in den Massenszenen, mit blitzsauber schmetternden Bläsern bei den Fanfaren, subtil in den lyrischen Teilen und sehr überzeugend in den dynamischen Abstufungen.

Tetzlaff fand eine sehr ausgewogene Mischung aus machtvoller, effektvoller Dramatik und intimer, seelenvoller Charakterisierung. Nur mit dem Chor (Einstudierung Jens Olaf Buhrow) gab es anfangs kleine Probleme. Bei der Eingangsszene war er zu tief im Bühnenraum postiert und klang etwas dünn. Und beim „Fuoco di gioia“ wackelte noch einiges.

Dafür konnte dieser „Otello“ aber mit einer stimmigen Besetzung begeistern. Für die Titelpartie und den Jago wurden Gäste verpflichtet. Sangmin Lee, den die Bremerhavener bereits vergangenes Jahr in „Violanta“ erleben konnten, sang einen prachtvollen, verschlagenen Jago, den er mit viril auftrumpfendem Bariton und dabei doch sehr differenziert auf die Bühne brachte. Beim „Credo“ kostete er seine stimmlichen Möglichkeiten voll aus. Aber auch die verhaltenen Zwischentöne, mit denen er sein schleichendes Gift in Otellos Seele träufeln konnte, wiesen ihn als herausragenden Gestalter aus.

Der Tenor Ray M. Wade junior ist eine imposante Erscheinung, der schon allein von seiner Statur her dem Otello eine kraftvolle Körperlichkeit verlieh. Die Stimme hat nicht den bronzenen Klang, den man bei vielen Sängern dieser Partie schätzt, sondern ist eher etwas hell. Dafür verfügt er über große Durchschlagskraft. Die zeigte sich schon beim „Esultate“, das er bravourös vom Rang aus schmetterte.

Wade machte die Verletzlichkeit der Figur in jedem Moment deutlich. Wenn Jago zusammen mit seinen Kumpanen, die dem Ku-Klux-Klan entsprungen schienen, mit roter Farbe „Morte al Negro“ auf die Mauern schmiert, ist nicht der Feldherr getroffen (das hätte er weggesteckt), sondern der Außenseiter. Seine Minderwertigkeitskomplexe machen ihn ja gerade so anfällig für Jagos Intrigen, die am Ende des dritten Aktes zu Otellos totalem Zusammenbruch führen. Wade gestaltete die Partie mit nie nachlassender Intensität und großer Ausdruckskraft, erschütternd in seiner Hilflosigkeit und anrührend im sehr lyrisch genommenen Liebesduett.

Die sängerische Krone verdiente sich Katja Bördner als Desdemona. Zu Beginn schien sie noch von etwas Nervosität beeinträchtigt zu sein, aber das „Lied von der Weide“ und besonders das „Ave Maria“ waren einfach traumhaft. Was sie hier an makelloser Stimmkultur und berückendem Piano offerierte, hatte aller-erstes Format. Tobias Haaks war ein spielfreudiger Cassio mit angenehm timbriertem Tenor, Svetlana Smolentseva eine mitfühlende Emilia. Auch die kleineren Partien (Filippo Bettoschi als Lodovico, Thomas Burger als Rodrigo und Daniel Dimitrov als Montano) waren ansprechend besetzt.

Regisseur Bruno Berger-Gorski hatte eine Art Schiffsanleger, der mit Wüstensand bedeckt war, über den Orchestergraben gezogen (Bühne von Barbara Bloch). Dort erwartet Desdemona noch mit einem Koffer in der Hand, ihren Otello. Sie scheint gerade in der ihr noch fremden Welt angekommen zu sein. Und am Ende wird sie auch auf diesem Steg erdrosselt. Das übliche Schlafgemach mit großem Bett ist hier nicht zu finden.

Die Bühne wird von grauen Wänden (von denen teilweise der Putz abbröckelt) und großen Rundbögen beherrscht. Berger-Gorski legt sich in Zeit und Ort nicht fest, aber er modernisiert auch nicht (obwohl es Feuerzeug und Fotoapparat gibt). Vielmehr legt er den Fokus auf die Charakterisierung der Hauptpersonen – und das ist ihm durchweg gut gelungen.

Desdemona ist kein braves Opferlamm, sondern eine selbstbewusste Person, die in den Auseinandersetzungen mit Otello schon mal ordentlich Paroli bieten kann. Und sie inszeniert sich bei einem „Fototermin“ im Kreise von Kindern als Wohltäterin, auch wenn Otello und seine Mannschaft gerade eine Fuhre von Sklavinnen importiert haben.

Jago hantiert als Drahtzieher des abgefeimten Spiels mit großen Schachfiguren. Auch Desdemona steht inmitten dieser Figuren und merkt nicht, dass sie nur Jagos Werkzeug ist. Als Otello sie tötet, hat er eine Art Kriegsbemalung angelegt. Hier wird der Gegensatz der Kulturen auch optisch noch einmal deutlich. Eine spannende und in ihrer Art geschlossene Inszenierung. Bremerhavens Theater hat einmal mehr seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt.

Kommende Vorstellungen:

11., 17., 25. und 29. Januar

jeweils um 19.30 Uhr,

am 2. Februar um 15 Uhr

sowie am 20., 23. Februar

und am 5. März jeweils

um 19.30 Uhr.

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