Blaumeier-Atelier lässt mit „Mieder und Millionen“ komödiantische Pointen knallen

Koffer mit Clowns

Lange Nasen und kurze Hosen: Bei Blaumeier sind die Clowns eingezogen.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Für Giovanni bricht eine Welt zusammen. Ein Blick in den Koffer lässt den windigen Geschäftsmann erstarren. Statt der erwarteten Geldscheine fischt er einen BH aus dem Gepäck. Der Fall ist erschütternd klar: Die Koffer wurden am Flughafen vertauscht.

In klassischer Tragödienpose neigt der Arme die Stirn an den Unterarm und heult Rotz und Wasser. Die gescheffelten Millionen scheinen verflogen. Allein die teuren Armani-, Gucci- und Boss-Klamotten, die Giovanni hingebungsvoll streichelt, erinnern an einstige Euro-Noblesse. Da bleibt nur noch der Sprung ins Wasser. Doch wenn‘s mal schief läuft, klappt auch der Abgang nicht. Ein Paparazzo (Rongwald von Salesi) nimmt dem Verwechslungsopfer mit entnervendem Auslöser-Gewitter die Lust am Jenseits.

Verwechslung und Missgeschick, Geldritter von der traurigen Gestalt und falschen Begegnungen im dramaturgisch richtigen Moment sind komödiantische Kernzutaten. Wenn Clowns stolpern und daneben greifen, ist Heiterkeit erlaubt und garantiert. Lange Nasen, weite Hosen und Schuhe in Übergrößen geben das Lachen über unser aller Fehltritte und Schwächen frei. Doch lustig und leicht ist harte Arbeit: Komödiantentum gehört zum Schwersten in der Bühnenkunst.

Das Blaumeier-Atelier schreckt aber auch vor den Tücken der Clownerie nicht zurück. In ihrer jüngsten Produktion „Mieder und Millionen“ lässt die Bremer Truppe, die ihren speziellen Witz durch Oper, Musical, Schauspiel und Film schickt, die Pointen richtig knallen. Augen weiten sich größer und länger, Arme rudern ausladender, Tränen füllen Seen, Pathos schraubt sich himmelhoch.

Wie im Slapstick durchaus üblich, ist die Story vergleichsweise schlicht. Zu Giovanni (Sven Halberstadt) und dessen Koffer gibt es natürlich die passenden Gegenstücke. Die Besitzerin des Mieders heißt Rosa (Wiebke Plett) und will ihrem Verflossenen und nun denn Verblichenen offenbar einen letzten Liebesdienst erweisen. Mit den Millionen aus dem falschen Koffer, der sich als goldrichtig erweist, kann der Heimgang von Rosas Ex deutlich üppiger ausfallen. Das erfreut naturgemäß den Bestatter, der in Euro-Euphorie ins Philosophieren gerät.

Ein ebenso hilfsbereites wie komisches Stewardessen-Duo versucht den verwaisten Rosa-Koffer an die Richtige zu bringen. Ein undurchsichtiger, aber mit Bonbons zu zähmender Punk bringt temporären Thrill in das Geschehen. Running Gags braucht eine Geschichte, die im Untertitel ihre kompositorische Eigenart verrät: ein „irrwitziges Clownsstück“. Dessen verschlungenen Wegen folgt das Publikum bisweilen ungläubig stauend, aber umso amüsierter. Der Verlauf lässt die Entstehungsgeschichte erahnen: In einzelnen Szenen, aus vielen improvisatorischen Impulsen heraus und gemäß den komischen Inputs der unterschiedlichen Akteure hat das Blaumeier-Ensemble das Stück erarbeitet. Die Geschichte strickte sich dann drumherum.

Was die Inszenierung noch prägt, sind die Anteile zweier Disziplinen, die sich nicht notwendigerweise auf der Bühne vertragen: Andrea Herbst hat aus der klassischen Schauspielperspektive den großen dramaturgischen Bogen und – bei allem Irrwitz – auch komödiantische Continuity im Blick gehabt. Lars Meyer denkt als diplomierter Clown eher in knappen Pointen und Plots, in der reinen Körper- und Gebärdensprache, die umweglos das Zwerchfell attackiert.

Falls sich jemand vor dem Blaumeier-Besuch gefragt hat, ob Menschen mit Behinderungen Clowns geben dürfen: Wenn sie so selbstverständlich andere zum Lachen bringen wollen und können und daran offenkundig auch selbst Spaß haben, sollten sie das unbedingt. Die Clownsnasen schweißen die Akteure zusammen und ebnen Unterschiede ein. Mehr oder weniger alle irren stückgemäß, verwechseln was, straucheln. Die gute Laune nach Blaumeier-Stücken resultiert nicht nur aus den Gags, sondern aus der Teilnahme an der immer wieder gelungenen Utopie, dass sich in der Kunst das allgemein Menschliche trifft.

„Mieder und Millionen“ läuft noch bis Sonntag im Blaumeieratelier, allerdings sind die Vorstellungen schon seit Wochen ausverkauft. Eine neue Staffel ist für den Herbst geplant. Vormerken!

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Besser als einkaufen

Besser als einkaufen

Besser als einkaufen

„Man wird gefordert und gefördert“

„Man wird gefordert und gefördert“
„Neunte Kunst“: Vielfältige Comics und Graphic Novels aus aller Welt

„Neunte Kunst“: Vielfältige Comics und Graphic Novels aus aller Welt

„Neunte Kunst“: Vielfältige Comics und Graphic Novels aus aller Welt
Eine Lösung für Konzerte in der Lila Eule soll her

Eine Lösung für Konzerte in der Lila Eule soll her

Eine Lösung für Konzerte in der Lila Eule soll her

Kommentare