„Was geht“: Arbeiten von Design-Studierenden im Bremer Wagenfeld Haus

Körpergerechter Kicker

+
Extra trocken: Britta Isenraths Aufnahme vom Lake Mead, Arizona. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingDie Handys konnten für ein bis drei Euro im Internet ersteigert werden. Eine lohnende Investition. In den Speichern der Mobilgeräte fand sich aufschlussreiches Material: Bilder und Texte, die in gedruckter Form noch banaler klingen als im fernmündlichen Austausch.

Besondere Highlights aus den Benutzer-Nachlässen können nun vor einer Wand voller Alt-Telephone nachgelesen werden. Die Studie zur neueren Kommunikationskultur, auch ein interessanter Spot auf das Thema Datensicherheit, ist eines von rund 70 Projekten, die ab heute im Wilhelm Wagenfeld Haus den Betrieb an der Bremer Hochschule für Künste widerspiegeln. Bis zum 15. Januar 2012 präsentieren die Studiengänge Integriertes Design und Digitale Medien unter dem Titel „Was geht“ Diplomarbeiten, Semesterergebnisse und interdisziplinäre Kooperationen.

So wird sichtbar, was der Bremer HfK die Alleinstellung in der deutschen Hochschullandschaft beschert: Die Trennung in gestalterische Teildisziplinen wie Produkt-, Mode- oder Kommunikationsdesign ist im Speicher XI schon länger aufgehoben. „Nicht die gute Form oder ein allgemeingültiges ästhetisches Prinzip bestimmen die Lehre, sondern die Bedürfnisse des Menschen in einer sich ständig wandelnden Welt“, sagt HfK-Professor Detlef Rahe. Dass man in der Überseestadt nicht nur Produkte entwickelt und über Funktion und Gestalt nachdenkt, sondern auch die Kunst der Präsentation erlernt, dokumentiert die unterhaltsam inszenierte, klar gegliederte Schau auf den ersten Blick.

Dem Konzept der Lehre entsprechend gliedert sich die Ausstellung nach grundsätzlichen Fragen zu menschlichen Befindlichkeiten und Bedürfnissen: „Was treibst Du?“, „Wie willst Du leben?“, „Wer bist Du?“ heißt es im Parterre. Da findet sich beispielsweise ein Kicker aus Formholz, der im futuristischen Linienschwung Spaß bereiten, aber zugleich den Körper nicht unnötig belasten soll. Natürlich ist kein Platz für einen stoßsicheren Aschenbecher vorgesehen. Über die Zukunft der Zeitung hat eine Gruppe von Studierenden nachgedacht, der plattdeutschen Sprache widmet eine andere eine vielfach ausgezeichnete Publikation.

Überhaupt sammeln Druckerzeugnisse aus der HfK regelmäßig Preise: das Magazin „Vier“ zum Beispiel, von wechselnden Studierendengruppen im Semestertakt hergestellt. Oder die „Zeitung der Straße“, ein an sozialen Fragen orientiertes Medium mit ausgeprägtem Stadtteilbezug. Vertrieben wird es von Wohnungslosen. Das Blatt zeigt, dass gestalterische Qualität hier nicht außen vor bleiben muss.

Möbel, Spiele oder Leuchten, die sich an besondere Dinge oder Episoden einer individuellen Biografie anschließen, erscheinen buchstäblich emotional aufgeladen. Äußerst nützlich könnte man sich eine App vorstellen, die Nahrungsmittel auf ihre Verträglichkeit prüft. „Foodcheck“ hält gleich eine komplette fiktive Organisationsstruktur für diese Vision vor. Als besonders aufwendiges und personalintensives Projekt hat sich eine alljährliche Operninszenierung etabliert, die der Designernachwuchs unter anderem mit Kostümen und Kulissen, aber auch mit der PR- und Presse-Strategie beliefert.     Als Beispiel für die rege und erfolgreiche Modeabteilung der HfK ist unter anderem preisgekrönte Bekleidung von Michael Court ausgestellt. Durch Reduktion und Klarheit sollen die Schnitte einen Kontrapunkt zu einem beschleunigten und überladenen Alltag setzen. „Parallelwelten“ spürt Ann-Kathrin Radtke mit zeichnerischer Akribie und in einem Katalog mehrdeutiger Bild-Zeichen nach: Essen, Sex – klar, dass die Zwischenstationen die Hauptpfade des Lebens sind.

Bei der Frage „Was bewegt Dich?“ steht neben der Mobilität die Energie im Vordergrund. Dawei Wu kann sich eine Kleinwindkraftanlage auf Bambusstab-Basis vorstellen. Manuel Dreesmann schlägt vertikale Gärten, man könnte auch sagen begrünte Hausfassaden als urbanen Beitrag zur Klimaverbesserung vor. In einer Kooperation mit dem Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut haben HfK-Studierende die Architektur einer Polarstation entworfen, die den Extremen der Antarktis standhält und diese formal widerspiegelt. In den Fotoarbeiten von Britta Isenrath wird der von Menschen verantwortete Klimawandel anschaulich. Austrocknung lässt sich an Schichten im Fels ablesen – bei allem Erschrecken über das dargestellte Phänomen formal und farblich reizvolle Aufnahmen. Stadtwandel dokumentiert Sebastian Burger am Beispiel von Baku. Für die Serie erhielt er unlängst den Kunstpreis Achim.

Der HfK-Auftritt im Wagenfeld Haus soll nun jährlich stattfinden. Vielleicht etabliert sich die Schau als Ideen-Börse, wie Sonja Pösel, Wirtschaftsförderung Bremen, vorschwebt: „Die hier ausgestellten Arbeiten geben jedem aufgeschlossenen und innovativ denkenden Unternehmer unglaubliche Impulse.“

Wilhelm Wagenfeld Haus Bremen, bis 15. Januar 2012

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Frankreichs Regierung verteidigt Rentenpläne

Frankreichs Regierung verteidigt Rentenpläne

Richtungskampf beim SPD-Parteitag

Richtungskampf beim SPD-Parteitag

Was bringt Ridepooling wirklich?

Was bringt Ridepooling wirklich?

Streiks in Frankreich gehen in neue Runde

Streiks in Frankreich gehen in neue Runde

Meistgelesene Artikel

Hellseatic: Neues Festival für Heavy Metal und Co. an der Weser

Hellseatic: Neues Festival für Heavy Metal und Co. an der Weser

Deutliche Worte

Deutliche Worte

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Kommentare