Von engen Räumen und vermummten Akteuren: Malerei von Rudi Kargus in der Wallhöfener Galerie „kd.kunst“

Körperbetonte Kunst

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Angekommen in der Kunst: „Die Große Flatter“ von Ex-Fußballprofi Rudi Kargus, gemalt im Jahr 2010. ·

Von Rainer BeßlingWALLHÖFEN · Der Blick fällt in den Rücken eines Mannes, der durch einen langgestreckten Raum geht, den Kopf offenbar gesenkt. Der Flur beschreibt einen Bogen, was den Sog in die Tiefe verstärkt.

Das Dach ist zweigeteilt, eine Hälfte der Konstruktion erinnert an die Unterseite einer Tribüne. Die rechte ist glühend rot, eine energiereiche Fläche in einem sonst eher stillen Ambiente. Die linke Wand des Ganges ist in grelles Pink getaucht, eine krasse Korrespondenz. Rudi Kargus verrät, dass er den braunen Parka, der den Protagonisten des Bildes umhüllt, lange getragen hat. Ein Selbstporträt als Rückenansicht also, das Bildnis eines Mannes, der sich gern mal entfernt hätte, den Druck hinter sich gelassen?

Ist der Betrachter erst einmal mit dieser Perspektive im Bild, könnte die Bank an der linken Wand das Sitzmöbel in einer Spielerkabine sein, die Öffnung dahinter vielleicht der Eingang dorthin, seine Farbigkeit sieht nach Vitalität aus. Das umrahmende Pink strahlt Künstlichkeit aus. Sind die Rechtecke an der gegenüberliegenden Wand Chiffren für Schaufenster, mediale Bühnen und plakative Auftritte, mit denen dieser allein vor sich hin schlurfende Akteur als öffentliche Person konfrontiert ist?

Die Situation muss nicht autobiographisch betrachtet werden. Dennoch stecken in jedem Bild auch die Erlebnisse und Erfahrungen des Künstlers, wohl erst recht, wenn in Bilder zwei unterschiedliche Leben einfließen: Sport und bildende Kunst. Als der einstige Held zahlreicher Strafstoßsituationen nach seiner Profikarriere Mitte der 1990er-Jahre mit der Malerei begann, ohne jemals zuvor künstlerisch tätig gewesen zu sein, musste das wie der Versuch kreativer Freizeitgestaltung im Ruhestand wirken. Dass es bei Kargus um mehr geht, sieht man seinen Bildern unmittelbar an. Hier zielt nichts auf Wohlgefühl und Gefälligkeit, hier ist Kampf erkennbar, Kampf mit der Komposition, um die Komposition, hier ist Spannung im Spiel. Eine Auswahl neuerer Arbeiten von Kargus, der als Maler inzwischen längst anerkannt ist, zeigt die Galerie „kd.kunst“ in Wallhöfen noch bis zum 2. Juni unter dem Titel „Alles wird gut“.

Diese Zuversicht vermitteln die Bilder nicht unbedingt. Dort sind die Räume eng. Die Akteure suchen Auswege, entfernen sich, wenden sich ab. „Die Große Flatter“ heißt das eingangs beschriebene Bild, und damit ist nicht allein die Fledermaus gemeint, die im Raum schwebt. „Flucht“ ist der Titel einer anderen Arbeit, in der sich eine Figur mit gelbem Umhang, dem Panzer eines Insekts ähnlich, auf einen dunklen Ausgang zubewegt. Der Raum ist von einer massigen, düsteren, zugleich warmen Erdfarbigkeit bestimmt – ein nobles Kolorit, das eine Vielzahl von Schattierungen aufweist. Die Sensibilität, die Beobachtungsgabe, die Haltung in der Wahrnehmung, aber auch das ästhetische Empfinden, das sich in Kargus‘ Kunst widerspiegelt, dürften schon früher angelegt gewesen sein. Der Profifußballer konnte dies nicht ausleben.

In seinem Katalog zeigt der Künstler Fotografien, die seiner Malerei zugrunde liegen. Da gibt es Verhüllte und Vermummte unterschiedlicher Art: Polizeiliche Einsatzkräfte in Schutzanzügen, Jugendliche mit Kapuzen, vielleicht aus Coolnessgründen oder als Dress, der Gruppenzugehörigkeit ausflaggt, vielleicht zur Tarnung. Und es gibt viele ganz spezielle Raumsituationen: Außenplätze, ruinöse Interieurs, Fassaden, die abbröckeln oder bereits zerstört sind. Einsame Bezirke am Stadtrand, ein Camp, ein verwinkeltes Treppenhaus. Mit den Fotografien gibt Kargus Einblicke in seine Werkstatt. Die Aufnahmen fließen in Collagen ein, die den Tafelbildern zugrunde liegen. Aus Papierschnitten gefertigte Schwarz-Weiß-Stücke, die das grafische Gerüst der Komposition bilden. Dabei verschieben sich Proportionen, Räume werden verschachtelt. Auf dieser Basis setzt die Malerei mit ihrer eigenen Dynamik ein. Der Maler ist gefordert, ein Wechselspiel der Formen, Flächen und Farben zu inszenieren, das eigene Spannung gewinnt und hält.

Kargus gelingt das überzeugend in seiner Balance von Figuration und Abstraktion. Wie etwa in dem Bild „Olymp“, in dem horizontale Bänder in zurückgenommenem Farbton die Balken einer Decke beschreiben und eine orangefarbene, pflanzlich-organisch anmutende Figuration eine vertikale Gegenbewegung zur Architektur bildet. Oder in „Rettung naht“, wo florale, ornamentale Elemente, in raschen Pinselhieben aufgebracht, in Gebäude wuchern. Die Bilder von Kargus erzählen nicht, sie legen Erzählfäden aus, docken an gesehene Wirklichkeit an, sprechen aber mit kompositorischen Mitteln.

Die intensive, intime Korrespondenz zwischen Raum und Figur, die die Malerei von Rudi Kargus kennzeichnet, bestimmt den ersten Eindruck: die Empfindung großer physischer Präsenz, ein Gefühl von Wucht und Energie. In den Räumen fließen nicht nur öffentliche und private, gesehene und gedachte Orte zusammen, sondern auch Wahrnehmung, Empfindung und Erinnerung der Figuren.

In dem Bild „Das Vergessen“ spricht das gewaltige Interieur mit, als wäre es Dialogpartner, Gedächtnisspeicher, Projektionsfläche in einem. In den spitzen Verwinkelungen, abblätternden Pfeilern und Mustern, ausblühenden Farbflächen schlagen sich grafische und malerische Setzungen mit unterschiedlichen Oberflächenstrukturen nieder, durch diese Stofflichkeit gewinnt der Betrachter geradezu körperlich Zugang zu den eingelagerten schillernden Szenen.

Galerie kd.kunst, Wallhöfen.

Bis zum 2. Juni. Geöffnet an Sonntagen von 12 bis 18 Uhr

und nach Vereinbarung: 04793-955755

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