Was können wir von Literatur lernen? Ernst-Wilhelm Händler sucht nach Antworten

Irrwege im Wortnebel

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Haben wir nun – ach! – die „Buddenbrooks“, „Krieg und Frieden“ und leider auch den „Mann ohne Eigenschaften“ durchaus studiert mit heißem Bemühn. Und sind doch so klug als wie zuvor. Was die Welt im Innersten zusammenhält, vermochte uns weder Mann noch Tolstoi zu erklären, kein Musil und schon gar nicht Günter Grass. So ist der Roman denn ganz und gar dem schönen Schein gewidmet, ohne jede Aussicht auf konkrete Erkenntnis? - Von Johannes Bruggaier.

Für den Fischer Verlag hat der Romancier Ernst-Wilhelm Händler einen „Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument“ gewagt, ganz „unakademisch“ und „kompakt“, wie der Klappentext verspricht. Wenn dem nur so wäre!

Tatsächlich entpuppt sich das Essay von Beginn an als derart akademisch, weitschweifig und sperrig, dass es den Anschein hat, als wollte der Autor gar nicht verstanden werden. Ein Ärgernis, das in kaum einer Eigenart so deutlich wird wie in jener seltsamen Verweigerung, zitierte Autoren beim Namen zu nennen. Da ist von „demjenigen Konstrukteur“ die Rede, „der als Erfinder der Differenz zur Differenz gilt“. Warum schreibt er nicht „Jacques Derrida“? Der „österreichische Autor, der sich selbst als den ‚größten Übertreibungskünstler‘ bezeichnete, war gar keiner“: Warum schreibt er nicht „Thomas Bernhard“? Vollends grotesk wird dieses Versteckspiel, wenn es innerhalb eines einzigen Satzes gleich mehrere Namen aufwendig zu umschreiben gilt: „Deswegen hat der deutsche Hauptvertreter der Konkreten Sprachtheorie auch einen Roman über das Ende eines französischen Enzyklopädisten verfasst, dessen Bestandteile…“ Hilfe!

Es bereitet einige Mühe, diesen Nebel aus Synonym-Sammlungen, Passiv-Konstruktionen und Fremdwortkaskaden zu lichten, um zur eigentlichen Sinnebene des Textes vorzudringen. Gelingt dies, erweist sich Händlers Argumentationsmuster meist als banal, als problematisch oder als falsch.

Banal mutet es an, wenn ausgiebigen Exkursen in die Neurowissenschaft, Robotik und Erzähltheorie so schlichte Ergebnisse abgerungen werden wie die wenig überraschende Erkenntnis, dass jeder Roman ein Kräftemessen zwischen Autor und Welt sei. Dass ein Roman „keine Beweise“ enthalte, „häufig“ aber „eine Erklärfunktion“ habe. Oder dass Gefühl und Verstand einander wechselseitig beeinflussen – was sich natürlich weniger banal liest, wenn der Verstand als „kognitiver Prozess“ daherkommt.

Erwartbar problematisch wird es immer, wenn der Autor sich in einer scharfen Abgrenzung des Romans zu Protokollen und wissenschaftlichen Texten versucht. Zwar wäre eine solche Abgrenzung freilich die Voraussetzung für den Nachweis seiner Erkenntnistauglichkeit. Doch lässt sich diese Grenze wirklich zwischen „autoreflexiven“ (Roman) und „transitiven“ (Protokoll) Handlungsmöglichkeiten ziehen? Vollzieht nicht auch der Leser eines Protokolls – trotz dessen unbestrittener Einbeziehung anderer Akteure – seine Lektüre in autoreflexiver Absicht? Romane, so lautet ein weiterer Versuch der Bildung klar umrissener Kategorien, machten „Zustände und Ereignisse zugänglich, durchsichtig und begreifbar“: Gilt das auch für Kafka? Oder sind manche Romane nicht im Gegenteil darauf ausgerichtet, Bewusstsein für Undurchsichtigkeit und Unzugänglichkeit zu schaffen?

Dem Bemühen um Abgrenzung von Prosa (vom Roman im engeren Sinn ist bald kaum noch die Rede, Händler führt als Beispiele auch Novellen an) sind dann auch manche sachlichen Fehler in der Definition wissenschaftlicher Verfahrensweisen geschuldet. So werden die „klassischen Naturwissenschaften“ als rein deduktiv strukturierte Verfahren beschrieben: Zuerst komme das Gesetz und dann erst der Einzelfall, der dem Gesetz gehorche, im Unterschied zum Roman, der stets mit dem Einzelfall beginne. Die Wahrheit ist, dass auch der Induktion in den klassischen Naturwissenschaften schon immer eine wesentliche Rolle zugekommen ist, nicht zuletzt durch Experimente wie etwa dem freien Fall, aus welchem Galileo Galilei einst das Äquivalenzprinzip ableitete.

Gemeinsam mit dem Autor begräbt auch der Leser schon früh die Hoffnung auf den stichhaltigen Beweis für den Roman als Erkenntnisinstrument (wenn auch der Autor dies nicht zugeben mag). Was bleibt, ist das Ringen um eine Idee, was ein solcher Roman überhaupt sein könnte – eine Frage, die der Verfasser lange unterschätzt und dann nachträglich zu beantworten versucht. Irgendwo in der Mitte des Buchs führt ihn seine Argumentation zu einer These, die so schlicht und doch so klar anmutet, dass jede weitere Überlegung überflüssig erscheint.

Die Wissenschaft (wie auch das Protokoll) strebt demnach an, Beschreibungsunschärfen zu eliminieren: auf dass dem Leser so wenige Handlungsvariationen, mithin so wenige Unklarheiten wie nur irgend möglich verbleiben. Dem Roman dagegen gilt im Gegenteil die Unschärfe als Ziel, je mehr Interpretationsspielraum, desto besser. Das klingt gut, das nehmen wir mal so mit: als immerhin eine wirkliche Erkenntnis – wenn schon der Roman selbst keine solche vermitteln kann.

Ernst-Wilhelm Händler: „Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument“, S. Fischer Verlag: Frankfurt/M. 2014; 288 Seiten; 19,99 Euro.

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