Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel und Regisseur Alexander Riemenschneider über Elfriede Jelineks neues Stück

König Ödipus und die Alchemie

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Regisseur Alexander Riemenschneider ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. „Elfriede Jelinek ist so uferlos wie die Finanzkrise“, schrieb die Tageszeitung „Die Welt“ einmal. Tatsächlich fühlt man sich in Jelineks Textlandschaften wie ein Schiffbrüchiger auf der Suche nach Festland:

„Ödipus und die Sphinx“ heißt dieses Gemälde von Gustave Moreau (1864). Was den Akteuren des heutigen Finanzmarkts gelingt, war dem König Thebens verwehrt geblieben – Schulden einfach weiterverkaufen.

Überfordert von dem Assoziationsgewitter, das da aufs Publikum niederprasselt. Aber auch ahnend, dass genau diese Überforderung etwas mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu tun hat. Zum Beispiel mit unserer Überforderung im Angesicht der Finanzkrise. „Aber sicher!“ heißt Jelineks neues Werk, das morgen am Theater Bremen seine Uraufführung feiert. Weil es darin um den ökonomischen Wahnsinn unserer Tage geht, haben wir nicht nur Regisseur Alexander Riemenschneider zum Gespräch gebeten, sondern auch den Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel.

Herr Hickel, Sie haben Jelineks Stück „Aber sicher!“ gelesen. Eine Textfläche ohne Figuren, ohne Handlung und ohne Dialoge: Ist das nicht eine Zumutung?

Hickel:Es ist eine irrsinnige Provokation. Ich bin Stücke von Schiller oder Wilde gewohnt. Da gibt es eine Handlung, und es bleibt nur die Frage, wie das Ensemble sie umsetzt. Das hier dagegen ist ja ein reiner Fließtext; sehr schwer zu lesen – aber mit vielen genialen Gedanken!

Welchen?

Hickel: Es geht im Kern um eine erzkapitalistische, profitwirtschaftliche Privatisierung aller Lebensverhältnisse. Jelinek hängt das an der Privatisierung öffentlichen Eigentums auf. Mich fasziniert, wie sie dabei den Aspekt der alchemistischen Finanzmarktprodukte aufnimmt und zu einer Frontalkritik vorantreibt. Zur Kritik an einer Transformation unserer Gesellschaft. An einer Ökonomie, die eine Gesellschaft umformt, statt sich in sie einzubetten.

Teilen Sie diese Beobachtung, Herr Riemenschneider? Oder richtet sich die Kritik nicht vielmehr gegen die Gesellschaft selbst? Da ist von Cross-Border-Leasing die Rede, also dem Verkauf öffentlichen Eigentums an private Investoren: Geschäfte, die von den Wählern abgesegnet wurden!

Riemenschneider:„Wir sind unsere eigenen Mörder“, heißt es. Darin besteht unser Dilemma. Denn ich selbst habe ja auch mein Geld angelegt und damit in das System eingebunden. Wir sind also alle beteiligt, weshalb Jelinek keine klaren Schuldzuschreibungen vornimmt.

Und doch suggeriert sie diese Zuschreibungen. Etwa wenn sie eine „Stadt“ beschreibt, die ihren „Mörder“ sucht und nicht ahnt, dass sie ihn längst gefunden hat. Wer ist denn der „Mörder“?

Hickel:Zum Beispiel Kassenwarte und Bürgermeister von Kommunen, die in der neoliberalen Offensive nach 2000 Cross-Border-Leasing-Geschäfte abgeschlossen haben. In Berlin wurden etwa die kommunalen Wasserbetriebe zum Teil an einen französischen Investor veräußert. Das muss man sich mal vorstellen: Wasser, ein Grundnahrungsmittel!

Riemenschneider: Bei Jelinek ist der Mörder dieser Stadt zunächst einmal Ödipus: jener König, der nicht eher ruhen will, als bis er den Grund für die Pest-Epidemie in seiner Stadt gefunden hat. Und der am Ende erkennen muss, dass er selbst dieser Grund ist.

Als Ödipus das entdeckt, blendet er sich…

Riemenschneider:…wird aber durch diese Blendung zum Sehenden. Dass es dazu kommt, liegt in einer Schuld begründet, die er in seinem Leben nicht mehr tilgen können wird. Und darin besteht der Unterschied zur Finanzwirtschaft: Denn anders als die Schulden des Ödipus lassen sich die Schulden des Finanzmarktakteurs einfach weiterverkaufen.

Hickel: Wobei anzumerken ist, dass Jelinek mit Schulden nicht Staatsschulden meint. Ich muss im Übrigen gestehen, dass mich ihre Konzentration auf das Cross-Border-Leasing bei der Lektüre zunächst irritiert hat. Denn seit einer Änderung im Steuergesetz der USA hat sich sich dieses Geschäftsmodell eigentlich erledigt. Ich interpretiere es deshalb mehr als Chiffre für eine viel grundsätzlichere Frage: Wie wirkt sich eine profitwirtschaftliche Radikalisierung auf die Gesellschaft aus, bis in das Individualverhalten hinein? Jelinek reflektiert diese Frage zwar vor dem Hintergrund des Cross-Border-Leasings, aber eben auch anhand der Teufelsinstrumente dieser Finanzmarktkrise: alchemistische Produkte, die kein anderes Ziel verfolgen, als mit Spekulationen Profit zu machen.

Was meinen Sie mit alchemistisch?

Hickel:Dass sie als werthaltig gelten, weil jemand sie golden angemalt hat. Nehmen Sie nur das Produkt „CDO“, eine Abkürzung für „Collateralized Debt Obligation“. Da gibt es irgendwo in einem Vorort von Chicago eine Familie aus der Mittelschicht, die von einer Hypothekenbank 300 000 Dollar fürs Eigenheim erhält. Jetzt nimmt die Bank den Kredit, verpackt ihn vierzigmal und verkauft ihn an eine deutsche Bank, die es ihren Kunden als Wertpapier anbietet. Was aber ist denn der Wert dieses Papiers? Dass irgendwo am Anfang seiner Geschichte eine Chicagoer Familie einen Kredit abbezahlt. Wenn dieser Familie das Geld ausgeht, ist das ganze Geschäft im Eimer, und am Ende geht eine Bremer Rentnerin leer aus.

„Schulden sind Werte, man muss es ihnen nur sagen“, heißt es bei Jelinek. Damit kommen wir aber in eine psychologische Dimension, die doch schon seit der Abkopplung des Geldes von seiner Golddeckung Teil unseres Wirtschaftens ist. Bei jedem Einkauf vertraut der Kassierer darauf, dass irgendwelche realen Werte unseren Fünfzig-Euro-Schein decken!

Hickel:Das Neue besteht darin, das Nichts als Wert darzustellen. Wir hatten die Tulpenkrise 1638 und wir hatten die Weltwirtschaftskrise 1928. Damals ging es um überbewertete Aktien. Heute aber geht es um Derivate: also um Finanzmarktprodukte, deren Werte von anderen Werten abgeleitet werden. Das ist das Nichts vom Nichts und hat deshalb auch nichts mit der Realität zu tun. Diese Absurdität spürt Jelinek ganz wunderbar auf.

Das Stück heißt „Aber sicher!“, und um Sicherheit geht es auch – oder vielmehr um Versicherungen. Dabei wird deutlich, dass deren vermeintliche Sicherheitsgarantien oft nur Scheingebilde sind. Unser Glaube in diese Garantien erhält geradezu religiöse Züge: Sind Versicherungen nur Opium fürs Volk?

Riemenschneider:In einer komplizierten Welt sehnt man sich nach jemandem, der Sicherheit vorspiegelt. Das ist auch der Grund für die Bedeutung der Ratingagenturen.

Hickel: Deshalb wundert mich, dass diese im Stück gar nicht vorkommen. Der erste Punkt bei Jelinek ist die Privatisierung öffentlicher Güter. Der zweite ist die angebliche Werthaltigkeit wertloser Produkte. Der dritte aber ist die Versicherungswirtschaft – dabei wären die Ratingagenturen von größerer Bedeutung. Nehmen Sie nur die vorhin beschriebenen „CDO“-Produkte: Bei den Ratingagenturen waren diese Papiere mit Triple-A bewertet. Deshalb ist die Klage der US-Justiz gegen „Standard & Poors“ ein so wichtiger Vorgang: dass endlich ein Prozess geführt wird wegen systematischer, von Gewinninteressen angetriebener Fehlberatung bei CDO-Geschäften.

Blicken Sie nach der Lektüre jetzt anders auf die aktuelle Lage, Herr Hickel?

Hickel:Vieles von dem, was Jelinek antreibt, gehörte in den vergangenen Jahren zu meinem Job. Deshalb ist die Auswirkung der Lektüre nicht besonders stark. Theater ist für mich aber auch Aufklärung. Dieses Thema in einem ganz anderen Medium öffentlich verhandelt zu sehen: Das finde ich großartig.

Premiere morgen, 20 Uhr,

am Theater Bremen.

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