Die Feuerwerkerin Sandra Kranich im Oldenburger Kunstverein

Knall und Funke

+
Dokumente einer explosiven Aktion: Sandra Kranichs „Dark Triangle“ im Oldenburger Kunstverein. ·

Von Rainer BeßlingOLDENBURG · Ihre Kunst ist spektakulär, Funken sprühend und hinterlässt in der Regel Schmauchspuren. Sandra Kranich ist die Pyrotechnikerin der jüngeren deutschen Künstlergeneration. Jetzt zündete sie im Oldenburger Kunstverein ein Feuerwerk. Die Folgen sind malerisch, das Geschehen selbst ist in einem kurzen Video dokumentiert.

Nur zweieinhalb Minuten dauert das mit „Aahs“ und Oohs“ vom Publikum begleitete und mit heftigem Schlussjubel bedachte Ereignis. Einen formalen Rahmen und zugleich das Installationsgerüst für die Feuerwerkskörper bieten zwei Felder auf benachbarten Wänden: ein Rechteck mit einem ausgeschnittenen Dreieck und der gekonterte Dreiecksausschnitt – eine strenge Anordnung als Kulisse für eine exakt inszenierte Folge von Fontänen und Flammen.

Die Wanderung der Funkenschläge gleicht einer Choreographie oder musikalischen Sequenz. Kranich arbeitet effektvoll mit Motiven in Wiederholung und Variation, baut Spannung steigernde Pausen ein, lässt Flächen in verschiedener Ausleuchtung erscheinen und schließt mit einem furiosen Knalleffekt. Dem kurzen Schaustück, das archaische Faszination für das Feuer und kindliche Lust am Sternenregen gleichermaßen bedienen dürfte, gehen eine Menge Planung, Arbeit und technischer Aufwand voraus. Die Verkabelung dauert Tage und will fachgerecht ausgeführt und somit gelernt sein. Sandra Kranich hat sich für ihre durchaus originelle Variante der Installations- und Performancekunst zur Feuerwerkerin ausbilden lassen. Bei der Zündung ihrer Arbeit „Dark Triangle“ für den Oldenburger Kunstverein musste dennoch ein Profi des pyrotechnischen Gewerbes anwesend sein.

Die 42-jährige Künstlerin ist über einen Umweg zu ihren explosiven Events und Kompositionen gelangt. Begonnen hat sie ihre Laufbahn als Zeichnerin – was ihren Installationen und Bildern anzusehen ist. „Dark Triangle“ ist neben der Inszenierung malerischer Effekte deutlich grafisch organisiert und das in einer eher streng geometrischen, minimalistischen Ästhetik. Auch Zeichnungen Kranichs, keine Skizzen, sondern für sich allein stehende Arbeiten, sind in der Oldenburger Werkschau vertreten. Sie zeigen neben der Verwendung geometrischer Grundformen die Dynamik, Energie, also das Feuer, das die Künstlerin bewegt. Der Weltraum habe sie schon immer interessiert, Raumfahrt und futuristische Architektur. So könnte man mit den feinen Liniengeweben vielleicht Lichtnetze am Nachthimmel assoziieren oder Feuerspuren von Triebwerken.

Als die Künstlerin über die Fläche hinaus wollte, stieß sie auf das Feuerwerk als ganz spezielles Raumereignis. Es zielt mit der großen Auftrittsgeste auf Überwältigung, pflegt in ihrer aufwendig vorbereiteten Kurzlebigkeit die Verschwendung und gräbt sich nicht zuletzt aus diesen Gründen umso tiefer in das Gedächtnis ein. Es ist die aufblitzende Ausnahmewahrnehmung, die Kranichs Kunst kennzeichnen. „Short Ride in a Fast Machine“ ist ihre Oldenburger Ausstellung in Anlehnung an eine Komposition von John Adams betitelt.

Wenn auch somit das Feuerwerk selbst im Mittelpunkt ihrer Kunst steht, was sie im übrigen von Feuerbildschöpfern der klassischen Moderne unterscheidet, schafft Kranich doch auch Formate von Dauer. Eröffnet wird die Oldenburger Schau von Bildträgern, in denen die Metallsalze und das Schwarzpulver abgebrannter Zündkörper unterschiedliche Farben in das Aluminium eingeprägt haben. Die Tafeln selbst sind geometrisch gegliedert, ebenso wie jene, die noch auf den großen Knall warten. Wer sie erwirbt, kann entscheiden, wann sie mit Feuerwerkskörpern bestückt und gezündet werden. Das Relikt einer besonders aufwendigen Außenaktion stellt „Compact Time“ dar: 10 000 Dosen, mit Zündsätzen bestückt, gingen anders als geplant in einem Moment in die Luft – nun bilden sie gepresst einen rußigen Blech-Block mit Kabelgeflecht.

Drei Videos bilden eine Hommage an den brasilianischen Konzeptkünstler Hélio Oiticia. Zwei Momente dürften Kranich besonders interessiert haben: Oiticia arbeitete wie sie in einer Formensprache des Minimalismus, tragischerweise fiel der weitaus größte Teil seines Werks einem Brand zum Opfer. In Kranichs Videos laufen mit Feuerwerk bestückte stereometrische Grundkörper rückwärts, als sollte der Brand rückgängig gemacht werden.

Wie ein großes Tischfeuerwerk muss „Bag Bang“, der zweite große Knall in der Kunstvereinsräumen, gewirkt haben: Ein Konfetti-Regen aus einer Handtasche, der die Fertigung aus Beton nicht anzusehen ist. In der Verbindung von Verzauberung und Illusion mit der sichtbaren technischen Apparatur samt Feuerspuren in klaren Formen hat Sandra Kranich eine zündende Formensprache gefunden.

Oldenburger Kunstverein,

bis 29. Mai. Di-Fr 14-18 Uhr,

Sa und So 11-18 Uhr.

Eintritt: 3 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Die Wege zum perfekten Skischuh

Die Wege zum perfekten Skischuh

Diese Aktivitäten bietet das Großarltal jenseits der Piste

Diese Aktivitäten bietet das Großarltal jenseits der Piste

Diese Rechte haben Winterurlauber

Diese Rechte haben Winterurlauber

So wird Ihnen auf der Piste nicht kalt

So wird Ihnen auf der Piste nicht kalt

Meistgelesene Artikel

Prima Madonna

Prima Madonna

Entwickelter Alltag

Entwickelter Alltag

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Labyrinth der Dinge

Labyrinth der Dinge

Kommentare