Klug und ziemlich vergnügungssüchtig: „Madame Pompadour“ am Stadttheater Bremerhaven

Josef bleibt keusch

Diese „Madame Pompadour“ in Bremerhaven ist vor allem etwas fürs Auge.
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Diese „Madame Pompadour“ in Bremerhaven ist vor allem etwas fürs Auge.

Bremerhaven - Von Wolfgang Denker. Wer kennt es nicht, das anzügliche Duett „Josef, ach Josef, was bist du so keusch“? Es stammt aus der Operette „Madame Pompadour“ von Leo Fall. Die Pompadour war die Mätresse von Ludwig XV., die in diesem Duett den Dichter Calicot zum Schein verführen will, um von dem Grafen René, dem eigentlichen Objekt ihrer Begierde, abzulenken. - Von Wolfgang Denker.

Die Operette „Madame Pompadour“ wurde 1922 in Berlin mit größtem Erfolg uraufgeführt – drei Jahre vor dem Tod des Komponisten. Die Titelpartie sang damals die unvergleichliche Fritzi Massary. Unter den gut zwanzig Operetten von Leo Fall finden sich viele bekannte Werke, darunter „Der fidele Bauer“, „Die Dollarprinzessin“, „Die Rose von Stambul“ und „Die Kaiserin“.

Ansgar Weigner hat im Stadttheater Bremerhaven nun „Madame Pompadour“ inszeniert. Volker Klotz, der Autor eines Standardwerks über die Gattung Operette, bezeichnet „Madame Pompadour“ als die „faszinierendste Operette der zwanziger Jahre“, nicht zuletzt deshalb, weil sie den aufsässigen Zeitgeist eines Jacques Offenbach wieder auf die Bühne brachte. Heute ist das Urteil nicht mehr ganz nachvollziehbar.

Das liegt nicht an der Musik: Leo Fall gelang ein Ohrwurm nach dem anderen in seiner an süffigen Melodien reichen „Madame Pompadour“: Das walzerselige „Heut‘ könnt‘ einer sein Glück bei mir machen“, das Marschlied „Ich bin dein Untertan, dein treuer“ oder das Spottlied „Die Pom-, die Pom-, die Pompadour ist eine schöne Ha-Ha-Ha“ – alles Perlen der Operettenliteratur. Aber die anzüglichen Frivolitäten, mit denen das Libretto gespickt ist, mögen zwar in den zwanziger Jahren frech gewesen sein (zumal wenn eine Darstellerin vom Kaliber der Massary sie serviert), doch heute wirken sie eher flau und zotig.

Immerhin hielt Weigner die Geschichte der Mätresse Ludwig XV., die sich selbstbewusst ihre Liebhaber auswählt, den hinterlistigen Polizeiminister Maurepas austrickst und nebenbei noch die Staatsgeschäfte steuert, weitgehend von übertriebenen Albernheiten frei. Bei ihm steht die nicht nur vergnügungssüchtige, sondern auch kluge Frau im Mittelpunkt. Er lässt sie Sätze sagen wie „Viele Frauen haben die ganze Brust voll Hirn“ oder „Es ist leichter für schöne Frauen, keusch zu sein, als für keusch zu gelten“ – alles Originalzitate der historischen Pompadour.

Der erste Akt spielt im Karneval und führt in den „Musenstall“, wo man sich mit phantasievollen Tiermasken verkleidet hat. Der Dichter Calicot, der seine Spottlieder auf die Pompadour singt, tritt als Fuchs auf, andere als Vögel, Katzen oder Schweine. Graf René, auf den es die Pompadour abgesehen hat, kommt im Bärenfell. Der kahlköpfige Maurepas, auch er eine historische Figur, erinnert ein wenig an Nosferatu.

Der zweite Akt spielt am Hofe Ludwigs. Dort sind alle in wunderbare, weiße Kleider gehüllt. Puder und Perücke – dazu die schwarz-weiße Optik der Bühne mit ihrer besonderen Ästhetik. Ausstatter Christian Robert Müller hat da ganze Arbeit geleistet und viel fürs Auge gezaubert. Dazu sind hübsche Einfälle gelungen, wenn die Pompadour auf einer Schaukel über die Bühne schwebt oder wenn zu ihrer Einlage „Du mein Schönbrunn“ aus Falls „Die Kaiserin“ Schneeflocken vom Himmel fallen.

Ganz ausblenden konnte Weigner die etwas banaleren Operettenscherze nicht, etwa Maurepas ständige Behauptung „Ich bin schläuer“, das Herumfuchteln mit Banane und Gurke oder die etwas zu lang geratene Anklopfszene. Gleichwohl sicherte er seiner Protagonistin Katja Bördner viel Charme und Persönlichkeit. Bei Bördner war die Figur der Pompadour eine souveräne Drahtzieherin, die das Leben von der leichten Seite nimmt. Nur als sie auf René verzichten muss, weil der sich als ihr Schwager entpuppt, verliert sie die Contenance. Gesanglich gestaltete sie ihre Partie mit geschmeidigem Sopran ganz hervorragend, vor allem ihre gefühlvoll gesungene Einlage. Tobias Haaks sicherte dem René mit virilem Tenor viel Profil und fand nach anfänglichen Schwierigkeiten zu kraftvollem Tenorschmelz. Thomas Burger spielte den Calicot durchweg vergnüglich. Oliver Weidinger als König und Schauspieler Peter Wagner als Maurepas sorgten für dezenten Klamauk.

Das Philharmonische Orchester Bremerhaven wurde von Hartmut Brüsch geleitet, der die Finessen der Partitur feinsinnig ausspielte und die Walzer- und Marschthemen überzeugend erklingen ließ.

Weitere Vorstellungen: 12., 14. und 25. Februar, jeweils um 19.30 Uhr.

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