Das Martin Tingvall Trio wirft in der Bremer Glocke gängige Attribute über den Haufen

Weg mit den Klischees

Martin Tingvall liefert Kompositionen, die vor Melodienreichtum nur so strotzen. Foto: ULLA HEYNE

Bremen - VON ULLA HEYNE. Sieben Jahre sind vergangen, seit das 2003 gegründete Tingvall Trio sein Debüt bei den Glocke Jazz Nights gab. Viel Zeit, um sich einen Ruf aufzubauen - aber auch viel Zeit, in der Klischees über das Multi-Kulti-Trio zusammenkamen. Am Dienstagabend war es an der Zeit, mit einigen davon aufzuräumen.

Das dickste Brett: Das Etikett „Jazz für Anfänger“. Schon etwas despektierlich, spielt dieses Attribut doch auf die Euphonie der Stücke an, auf ihre Nachvollziehbarkeit und die Anleihen bei Pop und Rock. Ganz von der Hand zu weisen ist dies nach den ersten Songs, die meisten vom jüngsten Album Cirklar, für das es den dritten Jazz-Award in Gold gab, nicht. So stilistisch unterschiedlich die Stücke, mal energetisch-groovend, mal schwelgerisch-überbordend auch daherkommen: gefällig sind die vor Melodienreichtum strotzenden Kompositionen aus der Feder des Pianisten Martin Tingvall allesamt. Umso mehr, als dass das Trio auf eine verkopfte improvisatorische Leistungsschau verzichtet.

Aber: Kann Massenkompatibilität denn Sünde sein? Immerhin hat das Trio in der klassischen Kammerbesetzung mit Bass und Schlagzeug, das an sich schon in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebte, den oft verpönten Jazz auch bei jüngeren Generationen wieder salonfähig gemacht. Doch so ist das nun mal im Jazz: allzu eingängige Songs rufen schnell die Bürgerwehr der Puristen auf den Plan. Mit dieser Kritik, die auch schon vermeintlich ähnlich mainstreamige wie erfolgreiche Größen wie Metheny oder Brönner traf, kann der der Wahl-Hamburger offenbar gut leben. „Auf der Bühne ist man immer Kind“, erklärt der große Junge, der in seiner Baggy Jeans und dem verblichenen T-Shirt mit Flamingo-Großdruck direkt vom Skateboarden auf dem Deich kommen könnte, zu dem ihm wichtigsten Stück, das dem jüngsten, 2017 erschienenen Album „Cirklar“ den Titel gibt. Darin macht er sich Gedanken über den Zyklus der Lebensphasen, die Schnelligkeit der Kindheit und die Verlangsamung mit zunehmendem Alter. „Das Gute ist, dass man springen kann“, meint Tingvall. Welche Lebensphasen das Stück gerade abbildet, bleibt der Fantasie des Zuhörers überlassen. Die wird durch große Phrasenbögen und die enorme Spielfreude befeuert, nicht nur von Tingvall selbst, sondern auch Drummer Jürgen Spiegel, der hier ein Heimspiel hinlegt. Gleichwohl: Tanzen mag das Publikum dann doch nicht, wie es bei „Mustasch“ häufiger passiere, „zuletzt vorgestern in Nürnberg“, verrät der Blondschopf.

Auch wenn das Klavier unbestritten im Zentrum der Kompositionen aus seiner Feder steht: Tingvalls Mitstreiter Omar Rodriguez Calco am Kontrabass und Spiegel am Schlagwerk auf das rhythmische Fundament zu reduzieren (noch so eins der gängigen Klischees), greift spätestens im zweiten Teil zu kurz. Etwa bei besagtem Mustasch, wo Bass und Schlagzeug zunächst ohne Piano in einen spannenden Dialog treten, werden die solistischen Qualitäten der beiden kongenialen Kollegen sichtbar.

Und um gleich auch mit dem nächstes Klischee aufzuräumen: In der Formation vereinen sich latein-amerikanisches Heißblut, deutsche Präzision und skandinavische Melancholie, heißt es immer wieder. Stimmt, aber anders als gedacht: Während Tingvall mit perligen Tönen und gehämmerten Soundexplosionen viel Temperament an den Tag legt und auch Spiegel alles andere als norddeutsche Zurückhaltung walten lässt, vereint der Kubaner in seinem zurückgenommenen Bassspiel Genauigkeit und lässige Zurückhaltung.

Als wären noch nicht alle Klischees vom Tisch, setzt das Trio bei den Zugaben noch einen drauf: Zuerst mit Improvisationen, die auch Puristen entzücken dürften und den „Jazzanfängern“ im Publikum die Richtung in höhere Sphären der Improvisationskunst weisen, dann mit einer wunderschönen Ballade voller skandinavischer Melancholie - und als könne man das nicht so stehen lassen, einen druckvollen Rausschmeißer. Wenn das Jazz für Anfänger ist, möchte man gar nicht fortschreiten.

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