Zum Klimagipfel steuert das Theater Bremen eine düstere Zukunftsvision bei

Mehr furcht- als fruchtbar

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Berührung verboten: Taschko (Siegfried W. Maschek) und Pagona (Nadine Geyersbach) in „Nostalgie 2175“.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Entgegen mancher Warnungen müssen wir uns für die Zukunft wohl doch nicht warm anziehen. Kuschelige 60 Grad beträgt die durchschnittliche Temperatur auf der Erde des ausgehenden 22. Jahrhunderts. So jedenfalls beschreibt es uns Anja Hilling in ihrer Dystopie „Nostalgie 2175“, die jetzt am Theater Bremen Premiere hatte.

Die Stückansetzung ist als Kommentar zum Klimagipfel von Paris zu verstehen. Das Theater als archimedischer Brennspiegel seiner Zeit: Das kann bei solch unmittelbaren Bezugnahmen auch bemüht wirken.

Regisseurin Anne Sophie Domenz steckt die künftigen Erdenbewohner in eine sterile Höhle aus weißen Planen (Bühne: Marie Roth). Tiere und Pflanzen können sie nur noch auf alten Filmaufnahmen betrachten, vor der Sonneneinstrahlung schützen sie sich mit Tapeten aus der Haut ihrer Vorfahren. Alles ist mehr furchtbar als fruchtbar, auch der Mensch selbst.

Der jungen Pagona (Nadine Geyersbach) etwa ist das zweifelhafte Glück vergönnt, als erste Frau seit Jahrzehnten auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Ihre Entscheidung fürs Kind ist gleichbedeutend mit dem eigenen Tod. Embryos nämlich geben sich schon lange nicht mehr mit der Nabelschnur zufrieden, sondern reißen bei der Geburt gleich die inneren Organe der Mutter mit heraus.

Taschko (Siegfried W. Maschek) bringt für die Vorfreude seiner Partnerin begreiflicherweise nur geringes Verständnis mit. „Du gibst dein Leben für ein scheiß Wunder?“, fragt er mit empörtem Staunen. Worauf ihm Pagona kryptisch erwidert: „Weil es das Einzige ist, was zwischen uns wirklich ist!“

Gemeint ist damit wohl Taschkos altes Leiden, seine in der Kindheit durch die Sonneneinstrahlung fast vollständig zerstörte Haut. Berührungen sind ihm deshalb nicht möglich, ein Leben ohne Streicheleinheiten, ohne Küsse, ohne Sex: So verdankt sich die Schwangerschaft seiner Freundin auch nicht ihm, sondern seinem Boss (Matthieu Svetchine), dem Leiter des Instituts für „Moderne Dermatologie“, das mit den lebenswichtigen Tapeten sein Geld verdient. Taschko ist dort für die Bemalung der guten Stücke zuständig. Sein Lieblingsmotiv: Naturlandschaften des 21. Jahrhunderts.

Es stellt sich bei all dieser ausgestellten Schrecklichkeit die Frage, was sie uns über die bloße Mahnung zum Klimaschutz hinaus bedeuten soll. Man sucht nach Kausalitäten und Erklärungen: Ist Taschko zum Maler befähigt, weil ihm die Berührung versagt bleibt? Findet Pagona die Kraft zur Selbstaufopferung, weil ihre Liebe platonisch bleiben muss? Und wenn dem so ist: Was sagt uns das?

Es hat mitunter den Anschein, als versuche das Ensemble solche Ungewissheiten mit Pathos zu überdecken. Insbesondere Nadine Geyersbach stürzt ihre Figur von einer Seelenkrise in die andere, ein einziges „Oh!“ und „Ach!“ und „Weh!“. Derweil gibt Matthieu Svetchine einen allzu bilderbuchhaften Bösewicht-Boss. Am Überzeugendsten ist noch Siegfried W. Maschek, der Taschko auf durchaus anrührend tapsige Weise um einen würdevollen Umgang mit seiner Rolle als gehörnter Ehemann ringen lässt.

Das Theater als Brennspiegel seiner Zeit: Im besten Fall gelingt es ihm, den Alltag in großes Drama zu übersetzen. Was allerdings das Thema Klimawandel betrifft, dürfte das größere Drama diesmal in Paris stattfinden.

Kommende Vorstellungen: am 2. Dezember um 20 Uhr sowie am 6. Dezember um 18.30 Uhr, Theater Bremen.

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