„Bug“ im Oldenburgischen Staatstheater

Ein kleiner Schritt zur Wirklichkeit

Agnes (Tamar van den Dop) und Peter (Bram Coopmans) gehen an der Verschwörung zugrunde: Mit „Bug“ ist das Oldenburger Festival „Go West“ zu Ende gegangen. ·
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Agnes (Tamar van den Dop) und Peter (Bram Coopmans) gehen an der Verschwörung zugrunde: Mit „Bug“ ist das Oldenburger Festival „Go West“ zu Ende gegangen. ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · Nach rund einer Stunde ist man geneigt, das Programmheft noch einmal ganz genau zu sezieren: Psychothriller? War da wirklich von Psychothriller die Rede?

„Bug“ heißt die Produktion des niederländischen Regisseurs Jakop Ahlbom, mit der das Oldenburgische Staatstheater am Sonntagabend sein „Go West“-Festival beendet. Es sollte ein besonders spannendes Stück sein, in dem sich „zwei verlorene, verletzte Seelen“ aneinander festklammern, bis sie untergehen. Geschrieben vom US-amerikanischen Dramatiker Tracy Letts und sogar schon einmal zu einem Horrorfilm verarbeitet.

Horror, Thriller: Lange ist nichts zu spüren davon in einem Ambiente, das jedem Boulevardtheater zur Ehre gereichen würde. In einem schmucken Motelzimmer (Bühne: Chatharina Scholten) mit Bett, Sofa, Klimaanlage fristet Agnes (Tamar van den Dop) ihr trauriges Dasein als Trinkerin und Kokserin, gestalkt von ihrem gewalttätigen Ex-Ehemann Jerry (Reinier Schimmel) und gepeinigt von der Erinnerung an ihren im Kaufhaus verloren gegangenen Sohn. Trost bietet ihr allenfalls Peter (Bram Coopmans), ein schüchternes, biederes Etwas von Mann, das nach einer Party einfach mal dageblieben ist.

Der sensible Frauenversteher als Gegenentwurf zum tätowierten Kriminellen Jerry, die zarte Annäherung als Medizin gegen den Schmerz der erlittenen Schläge: Das schmeckt alles mehr nach süßlicher Sozialromanze als nach dunklen Kräften. Und als der sensible Peter plötzlich auch noch anfängt, Gespenster zu sehen oder vielmehr Käfer, Zecken und Wanzen, die ihn angeblich in Scharen befallen, kippt diese Romanze kurzzeitig in eine Boulevardkomödie.

Genau darin aber besteht der Witz dieses Abends. Denn was so klischeebeladen als Lovestory beginnt, findet über den Umweg der Ironie unvermutet zu einer Auflösung, die zwar vielleicht nicht gerade als „thriller“- oder „horror“-haft durchgehen mag, durchaus aber interessant ist.

Vom Wahn zur Wirklichkeit ist es nämlich manchmal nur ein kleiner Schritt, und oft hilft die Liebe dabei, ihn zu gehen. Jedenfalls erscheinen Peters krude Erklärungen für die angebliche Plage immer plausibler, je unbefangener man sich mit ihnen auseinandersetzt. Und so lernt der Zuschauer gemeinsam mit Agnes, die Argumente des ehemaligen US-Soldaten zu schätzen. Ein Prozess, an dessen Ende man selbst an die große Verschwörung glaubt, in deren Folge Regierungen jedem Neugeborenen Computerchips implantieren und auf Erwachsene Wanzen losschicken, damit diese unter deren Haut Eiersäcke ablegen.

Und wenn man die Zeichen nur richtig zu deuten weiß, muss bald schon jedes Detail des Lebens als Beweis für das ganz große Skandalon gelten. Dann ist Agnes‘ Sohn nicht zufällig verschollen, damals im Kaufhaus, sondern vielmehr entführt worden vom amerikanischen Geheimdienst. In dessen Diensten natürlich ganz bestimmt auch der fiese Jerry steht.

So lässt sich an Agnes und Peter unvermutet die wechselseitige Konstruktion von Wahrheit ablesen: ein sich selbst antreibendes Prinzip, als dessen Schmierstoff die Liebe fungiert. Eine kaum für möglich gehaltene Wendung, die der so trivialen Exposition nachträglich unverhofft Sinn verleiht.

Über darstellerische Leistungen lässt sich aufgrund der sprachlichen Differenz (Aufführung auf Niederländisch bei deutschen Obertiteln) schwerlich urteilen. Was Text und Regie betrifft, hat das viertägige Festival „Go West“ aber in „Bug“ einen gelungenen Abschluss gefunden.

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