Kleiner Mann - ganz klein

„Mensch, Puppe!“ zeigt Fallada-Klassiker

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Dem kleinen Mann wird ganz schön mitgespielt: Claudia Spörri hat ihn voll in der Hand. 

Bremen - Von Rolf Stein. Der kleine Mann hat bekanntlich einiges auszustehen, seit es ihn gibt. Das kommt, weil er klein ist. Besser: weil seine Mittel so klein sind. Es ist deswegen geradezu bestürzend naheliegend, Hans Falladas Roman vom kleinen Mann Pinneberg und seiner Frau Lämmchen mit Puppen zu spielen, die vielleicht so um die 20 oder 30 Zentimeter groß sind.

„Mensch, Puppe!“, das Bremer Figurentheater mit unbezwingbarem Drang zur Erweiterung der Form, hat es nun unternommen, den Romanklassiker auf seine kleine Bühne zu bringen. Fallada erzählt darin unter ausdrücklicher und präziser Berücksichtigung einschlägiger Rechtsverhältnisse (Arbeitslosengeld, Kündigungsrecht und derlei mehr) die Geschichte des kleinen Angestellten Johannes Pinneberg, der die Arbeitertochter Emma Mörschel, genannt Lämmchen, heiratet und mit ihr mitten hinein in die Verwerfungen der großen Weltwirtschaftskrise gerät.

Thomas Weber-Schallauer, in Bremen für eine Reihe von Inszenierungen für die Bremer Shakespeare Company bekannt, hat den Stoff auf etwas mehr als zwei Stunden verdichtet und mit der Ausstatterin Anna Siegrot für die Cellistin Lynda Cortis und die Schauspielerin Claudia Spörri eingerichtet.

Gelungen ist ihm ein berührender Theaterabend, der es nicht für nötig erachtet, eine Aktualität seines Stoffes zu betonen. Vielmehr setzt Weber-Schallauer auf Zeitkolorit durch Lieder wie „Kann denn Liebe Sünde sein?“, die Spörri und Cortis übrigens ganz vorzüglich interpretieren. Seinerzeit waren diese Lieder zum Teil für die erste Verfilmung des Romans vorgesehen, dann aber der Zensur zum Opfer gefallen, weil ihre damaligen Interpreten, die Comedian Harmonists, die auch den Titelsong sangen, teils Nichtarier waren.

Die eingeblendeten, von Fallada kunstvoll komponierten Kapitelüberschriften erinnern an vergangene Kinozeiten. Auch die Freizeitvergnügungen, die sittlichen Kodices und von Fallada präzise gezeichneten kulturellen Sphären verorten den Abend eindeutig in der Entstehungszeit des Romans. Und auch noch Siegrots den Raum bestimmende Bühne verweist auf die Zeit zwischen den Weltkriegen: Die abschüssige Spielfläche, die an den Deckel eines Sarges erinnert, könnte beinahe auch dem Spielfilmklassiker „Das Kabinett des Dr. Caligari“ von Robert Wienes aus dem Jahr 1920 entstammen.

Die Form, in der Weber-Schallauer spielen lässt, eröffnet im „Mensch, Puppe!“-System dann aber durchaus neue Räume. Wo im Figurentheater Intensität oft darüber entsteht, dass die Spieler hinter ihren Figuren gleichsam verschwinden oder mit ihr zu verschmelzen scheinen, sind Spörri und Cortiz hier höchst präsent.

Lämmchen (hier mit „Murkel“) ist nicht besser dran.

Die fragilen Figuren von Pinneberg und Lämmchen eignen sich ganz und gar nicht dafür, hinter ihnen zu verschwinden - dafür schlüpft Spörri in Masken, um Eltern und Schwiegereltern oder den Lebemann Jachmann zu verkörpern. Obrigkeiten, Chefs und derlei mehr, die umrisshaft am oberen Ende der Spielfläche auftauchen, die damit die Rede vom sozialen Gefälle sinnhaft macht, sind nicht viel mehr als eine bedrohliche Silhouette.

Neu ist überdies, dass Lynda Cortis jetzt zusätzlich zu ihrem per Loopstation bearbeiteten Cellospiel auch Text übernimmt. So verhandelt sie dann mit Spörri über die Köpfe der beiden kleinen Leute hinweg deren Schicksal.

Bei Fallada gibt es am Ende einen Hauch Hoffnung. Weber-Schallauer lässt aus dem Radio die Verkündung des neuen Reichskanzlers ertönen. Dass Pinneberg, der ja ohnehin nirgends ein strahlender Ritter ist, aus der Nummer unbeschadet herauskommen wird, ist alles andere als gesagt. Was ohne allzu viel Aufwand als durchaus zeitgemäße Mahnung zu verstehen ist.

Weitere Vorstellungen:

Donnerstag, 20 Uhr; Donnerstag, 28. Februar; Donnerstag, 7. März; Freitag, 15. März; jeweils 20 Uhr, „Mensch, Puppe!“, Schildstraße 21, Bremen; www.menschpuppe.de.

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