Klank zu Harlan: Es ist ein Netzwerk

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Das Ensemble Klank errichtet einen Raum für Thomas Harlan.

Bremen - Es ist ein Schaben und Brummen, ein Rascheln und Orgeln, das aus allen Ecken des neuen Saals der Schwankhalle ertönt. Je nach Größe etwa in Kopfhöhe durchmessen Fäden den Raum, in dem schlichte Metallregale stehen mit Büchern darin. Ein großer Tisch in der Mitte ist übersät mit Papierbögen, handbeschrieben zumeist. An diesen Tisch bitten nach einer Weile die vier Herren des Bremer Musikaktionsensembles (Eigenbeschreibung) Klank.

Die Gruppe ist derzeit täglich in der Schwankhalle anzutreffen. Eine Vorstellung wird nicht gegeben. Noch heute und morgen zwischen 17 und 19 Uhr öffnet Klank vielmehr seine Werkstatt, in der etwas, man weiß noch nicht was, zum Thema Thomas Harlan entsteht. Jener ist der Sohn von Veit Harlan, seines Zeichens Filmemacher und als solcher Propagandist im Dienste des Nationalsozialismus. Vor allem der antisemitische Film „Jud Süß“ machte ihn bekannt.

Für Thomas Harlan wurde der Vater zum Lebensthema. Als Kind mit den Nazigrößen in Kontakt gekommen, wurde Hitler seine „Mitgift“, wie Harlan selbst es einmal ausdrückte. Dass seine Romane heute nahezu vergessen sind, ist eine ironische Pointe in Sachen deutscher Vergangenheitsbewältigung. Sein erstes Theaterstück „Ich selbst und kein Engel – Chronik aus dem Warschauer Ghetto“ wurde 1958 zum Skandal, im Jahr darauf klagten zwei ehemaligen NS-Funktionäre gegen Harlan, weil er offenbar bei seinen Nachforschungen zu den deutschen Vernichtungslagern zu viel über sie herausgefunden hatte. Mit dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dessen Wirken in dem Spielfilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ von Lars Kraume gewürdigt worden ist, arbeitete Harlan zusammen. Ein Resultat seiner Recherchen steht leitmotivisch über der Arbeit von Klank: „Lassen Sie alle Hoffnung fahren; es ist ein Netzwerk.“

Und es ist nicht zuletzt diese deprimierende Schlussfolgerung, die die Auseinandersetzung mit Harlan wichtig macht – in einer Gesellschaft, die einesteils gern von sich glauben machen will, sie hätte ihre Vergangenheit aber sowas von gründlich besorgt, dass nun auch einmal ein bisschen Ruhe sein könnte, und zweitens ohnehin eher an Einzeltäter glaubt als daran, dass der Schoß noch fruchtbar sein könnte.

Klank geben uns Gelegenheit, der Figur Thomas Harlan in einer Form zu begegnen, die noch nicht mit der Vergangenheit abgeschlossen hat, sondern einen Dialog darüber überhaupt einmal eröffnet. Eine Fortsetzung folgt. Die Arbeit ist eben keineswegs vorbei.

Termine

Freitag und Samstag, 17 bis 19 Uhr, Schwankhalle, Bremen.

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