Klang des Alternativlosen: Komponist Christoph Ogiermann über den deutschen Beitrag zum Eurovision Song Contest

Angela Merkel der Bühne

Kurz mit dem Romantik-Fähnchen gewinkt: Ann Sophie vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest.
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Kurz mit dem Romantik-Fähnchen gewinkt: Ann Sophie vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Alljährlich zum Sängerwettstreit „Eurovision Song Contest“ fühlt der Bremer Komponist Christoph Ogiermann für unsere Zeitung dem deutschen Teilnehmer auf den Zahn.

Christoph Ogiermann

Er erledigt, was sich sonst niemand vornehmen mag: Musik, Text und Inszenierung ernst zu nehmen und kritisch zu hinterfragen. Diesmal steht die Sängerin Ann Sophie auf dem Prüfstand. Ihr „Song für Österreich“ nennt sich „Black Smoke“ und ist vom deutschen Fernsehpublikum zum offiziellen Beitrag gekürt worden – wenn auch nur mit Einschränkungen. Der eigentliche Gewinner, Andreas Kümmert, hatte seine Teilnahme zurückgezogen, Ann Sophie wurde als Zweitplatzierte gegen Proteste aus dem Publikum für das morgige Finale in Wien nominiert.

Herr Ogiermann, Sie haben sich mit dem diesjährigen Opus magnum befasst, das für Deutschland den Titel beim Eurovision Song Contest einfahren soll…

Ogiermann: …mit dem Opus minimum eher.

So schlimm?

Ogiermann: Es handelt sich nun mal um musikalische Meterware. Ich musste ganz schön kratzen und graben, um herauszufinden, was eigentlich das Charakteristische ist an diesem Stück.

Und was ist das Charakteristische?

Ogiermann: Auffällig ist ein sehr dominanter Beat, hinter dem man die Begleitung kaum erkennen kann. Dadurch wird die Aufmerksamkeit extrem auf Ann Sophies Stimme gelenkt, die sehr metallisch, schnarrend klingt. Das Ganze soll den Eindruck einer sehr starken Oberfläche erzeugen. Dazu passt auch das reduzierte Mienenspiel, dieses fast maskenhafte Gesicht: Das ist mehr als nur cool, geradezu maschinenhaft.

Den letztjährigen Wettbewerbsbeitrag hatten Sie für seine authentische Annäherung an das Thema Depression gelobt. Mit Blick auf den Text könnte man auch bei „Black Smoke“ auf diesen Deutungsansatz kommen. Schließlich geht es um Trennungserfahrungen, darum, dass „die Flamme ausgeht“ und „wir nur im Rauch übrigbleiben“.

Ogiermann: Letztes Jahr ging es um die Verzweiflung an dieser Situation, diesmal um deren selbstbewusstes Annehmen. Diese Musik ist in keinem Moment nachdenklich, sondern durchgehend martialisch. Sie dokumentiert die Haltung: „Ich weiß, wie es sich mit unserer Beziehung verhält, da ist nun mal nichts mehr zu holen. Und statt zu jammern, nehme ich es an.“ Getroffen ist diese Frau von der Trennung nicht im Geringsten. Sie hat die Sache voll im Griff: eine Angela Merkel der Bühne, die uns kühl die Hausaufgaben diktiert.

Das Schlagzeug ist sehr aggressiv. Lautet die Botschaft: Wenn du nur voll draufhaust, bekommst du das mit der Trennung schon in den Griff?

Ogiermann: „Voll draufhauen“ würde ich nicht sagen. Schon eher: „bewusst Schläge austeilen“. Wenn ich das kann, bekomme ich die Trennung in den Griff, dann halte ich sie einfach aus.

Was hat es mit diesen chopinhaften Klaviereinwürfen auf sich?

Ogiermann: Das ist eine Reminiszenz an die Musikgeschichte, ein knapper Kommentar im Sinne von: „Ja, meine Damen und Herren, natürlich sind wir uns noch dieser Musik bewusst!“ Eigentlich aber ist sie gar nicht mehr da, sondern nur noch ein Teil der Erinnerung.

Das melancholische Klavier ist also nur noch ein Symbol, ein Code für die Romantik?

Ogiermann: Es ist ein kurzes Winken mit dem Romantik-Fähnchen. Klaviermusik wird heute längst am Computer produziert und zwar in hochklassiger Klangqualität. Bei Ann Sophie wird diese Künstlichkeit bewusst ausgestellt: Da wird gar nicht erst so getan, als käme die Klaviersequenz aus einem echten Flügel. Stattdessen sieht man völlige Leere, nur ein paar Vokalisten im Hintergrund und vorne die kühle Geschäftsfrau.

Im Text geht es um eine gescheiterte Liebe, musikalisch aber herrscht totale Kontrolle, Romantik gibt es nur noch als „Fähnchen“. Was sagt uns das?

Ogierman: Peter Sloterdijk hat Liebesbeziehungen einmal als „restkommunistische Zumutung“ bezeichnet. In unserer heutigen Zeit plötzlich etwas zusammen machen müssen? Uäh, wie unangenehm! Gleichzeitig wird überall in der Werbung und in den Medien der Wert der Familie besungen. Wenn ich im ICE sitze, sehe ich lauter einsame Typen, die auf ihr Laptop starren. Die Reklame an der Wand zeigt aber lauter lachende Kinder mit glücklichen Eltern. Ganz ähnlich verhält es sich mit diesem Song. Statt authentischer Gefühlsregung werden nur noch diese Schildchen hochgehalten: Symbole und Metaphern einer vergangenen Musik, die so wirken wie die Familienidylle in der Werbung der Deutschen Bahn.

Warum funktionieren diese Metaphern nicht mehr?

Ogiermann: Weil ihre Verfügbarkeit so stark angewachsen ist. Ein Klavier war früher von einer Aura umgeben, vom Bewusstsein um ein besonderes Klangerlebnis. Diese Aura ist durch die ständige digitale Verfügbarkeit seines Klangs zerstört. Die ständige Verfügbarkeit erzeugt auch eine Gleichgültigkeit, die sich in diesem Song widerspiegelt.

Inwiefern?

Ogiermann: Ein gewöhnlicher Hip-Hop-Song dauert heute etwa vier Minuten. Weil Jugendliche aber wissen, dass ab der zweiten Minute selten etwas Neues kommt, schalten sie oft schon zur Hälfte ab. Wenn Sie nun selbst einen Song produzieren…

…dauert der nur noch zwei Minuten.

Ogiermann: Eben nicht! Dann wird das auch ein Vierminüter! Und wenn ich nach dem Grund frage, lautet die Antwort: „Das macht man doch so!“ Dieses „Das macht man doch so!“ springt im Song „Black Smoke“ aus jeder Pore heraus. Es ist der gesellschaftliche Common Sense, der hier zitiert wird. Eine Metapher für die Akzeptanz des Ist-Zustands, der einfach mal für „alternativlos“ erklärt wird.

Insofern wäre der eigentliche Gewinner des Vorentscheids, Andreas Kümmert, dazu das krasse Gegenteil gewesen.

Ogiermann: In der Tat, nämlich der Wunsch nach Weichheit, Verletzlichkeit. Eine irre Situation: Da gewinnt einer, der sich in seiner ganz sanften Art und Weise entäußert. Dann stellt er sich hin und sagt: „Ich glaube, Ann Sophie ist geeigneter für diese Show, ich selbst bin ja nur ein kleiner Sänger.“ Da wird dieser ganzen Veranstaltung plötzlich die Maske heruntergerissen, was für ein Desaster! Deshalb versucht die Moderatorin, ihn mit aller Macht umzustimmen. Ein ungeheurer Druck wird da aufgebaut mit Publikumsakklamation und allem drum und dran. Der sanfte Mann mit dem Zusselbart – der komplette Gegenentwurf zu dieser knallharten Geschäftsfrau Ann Sophie – steht aber einfach nur da und sagt: Nö, tut mir leid. Diese Riesenshow, dieser ganze hohle Pomp bricht wegen drei, vier in den Bart gemurmelter Worte in sich zusammen. Großartig!

Aber die Show geht weiter.

Ogiermann: Nur wie? Die Zweitplatzierte soll‘s richten, aber die Leute buhen! Da hat Ann Sophie plötzlich einen Einfall. Sie fragt: „Wollt ihr mich überhaupt?“ Natürlich ist das eine rhetorische Frage. So lässt sich das Volk vorschreiben, was es gefälligst zu wollen hat. Am Ende jubeln alle, wo sie auch jubeln sollen.

Was erzählt uns dieses kleine Theaterstück über die Kunst, ihren Betrieb und ihre Akzeptanz?

Ogiermann: Es muss immer ein Ergebnis geben. Die Gesellschaft hält es nicht aus, wenn am Ende einfach mal nichts herauskommt. Im Zweifel gibt sie sich damit zufrieden, dass etwas „gut gemacht“ ist. Da wird Kunst dann zu einem Produkt, das nur noch abgenickt werden will. „Gut gemacht“: Wir leben in einer Kultur des Abnickens. Es geht darum, die Sachen aufzuessen, zu verdauen und dann bitte möglichst schnell auch wieder zu vergessen. Wenn sich einer wie Kümmert querstellt und sagt: „Ich will aber nicht aufgegessen und verdaut werden!“ – das ist fantastisch. Gewaltloser Widerstand.

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