„Amour“ gerät am Theater Bremen zur Farce

Klamauk mit Rollator

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Boulevardprogramm oder ernsthafte Auseinandersetzung? Bei „Amour“ fällt die Antwort schwer.

Bremen - Von Radek Krolczyk. Es gibt Dinge, die misslingen einfach. Sie werden nicht so, wie sie eigentlich intendiert waren. So etwas kommt vor, wahrscheinlich sogar ziemlich oft. Das gilt auch für die darstellenden Künste, etwa fürs Theater.

Wenn ein Regisseur etwas Aufklärerisches tun will und stattdessen etwas Verleumderisches dabei herauskommt. Wo kippt Überaffirmation von Stereotypen als Stilmittel in ihre bloße, blöde Affirmation?

Am Freitag feierte im Kleinen Haus des Bremer Theaters ein Stück mit dem Titel „Amour“ Premiere. Sein Thema: Demenz. Sein Sujet: ein Wohnheim. Sein Genre: die Tanzkomödie. Der Programmtext wirkt, als hätte Regisseurin Alize Sandwijk bei dem Stück vor allem Schulklassen im Sinn gehabt: „Was bedeutet es, die Kontrolle über Körper und Geist zu verlieren und auf eine mehr oder weniger bewusste Art und Weise unseren Mitmenschen ausgeliefert zu sein? Und was bedeutet das für all jene, die dies beobachten müssen? Gibt es in der Mitte unserer Gesellschaft Platz für Menschen, bei denen Informationen nicht oder auf andere Weise haften bleiben? Wer kümmert sich und wie tut man das überhaupt?“

Es ist ein Text, wie aus einer Broschüre für einen Infoabend. Ein Theaterstück, das sich an diesen Fragen orientiert, wäre wahrscheinlich unendlich öde. Eine blöd-witzige Klamotte rund um diesen Themenkomplex ist nicht öde, sondern politisch eine Katastrophe. Genau das aber ist „Amour“ geworden. Ein Stück, in dem gesunde Schauspieler geistige und körperlich behinderte Figuren spielen – und sie der Lächerlichkeit preisgeben. Mit ihren Rollstühlen und Rollatoren bauen sie unter dem Gejohle des Premierenpublikums Karambolagen, benehmen sich wirr und nässen sich ein.

Bestreitet etwa das Theaterschiff mit seinem Boulevardprogramm eine Gastspielzeit am Goetheplatz – und hat sein Publikum gleich mitgebracht?

Die Lacher sind kalkuliert

Nadine Geyersbach betritt als alte Frau mit ihrem Gehwagen die Bühne, sie steht vor der Wahl, eine Treppe oder eine zu steile Rampe zu benutzen. Das ist nicht schön, doch das Publikum lacht. Zum ersten Mal wird es unangenehm. Dabei befinden wir uns gerade mal in Minute eins; es folgen noch knapp zwei Stunden.

Man könnte jetzt schnell dem Publikum die Schuld geben, das Stück missverstanden zu haben. Irgendwann aber wird klar: Die Lacher sind kalkuliert. Situationen wie diese kehren wieder. Spätestens, als der von Guido Gallmann gespielte demente Rollstuhlfahrer gegen Ende des Stückes nackt mit einem Schwimmreif am Rande einer Pfütze auf der Bühne auftaucht, ist der Groschen gefallen, und es besteht kein Zweifel mehr: Was hier inszeniert wird, ist eine Art Blackfacing mit Rollstuhl.

Dabei gibt es durchaus Momente, die etwas gegen die Lacher setzen. Der leise Verweis darauf zum Beispiel, dass jeder erkranken kann. Einmal beäugt das Ensemble das Publikum, einige Male beteuert eine mitspielende junge Frau, die von Mirjam Rast verkörpert wird, zu der Gruppe der Patienten nicht dazuzugehören. In einer langsamen Szene zeigt sich der Tänzer Gabrio Gabrielli als guter Geist, der sich liebevoll um eine demente Patientin kümmert. Momente der Einkehr, die aber unter einer dicken Suppe aus Behindertenklamauk verschwinden. Leider.

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