Eine Ausstellung in Hannover zeigt Kunst der frühen 60er-Jahre

Kippbild mit Kippen

Jean Tinguely: ohne Titel (1962) - Foto: Museum Tinguely, Basel Donation Niki de Saint Phalle

Hannover - Jörg Worat. Verwandt und doch verschieden: Zwei wichtige Kunstströmungen vom Anfang der 60er-Jahre zeigt die Stiftung Ahlers Pro Arte in einer wunderbaren Überblicksausstellung unter dem Titel „ZERO und Nouveau Réalisme – Die Befragung der Wirklichkeit“.

Gemeinsam hatten beide Gruppen die Ablehnung des Abstrakten Expressionismus, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Szene dominiert hatte. Man wollte weg von heftigen Gefühlsausbrüchen abstrakter Natur, hin zu einer positiveren und konkreteren Wahrnehmung der Welt, beschritt dabei allerdings unterschiedliche Wege.

Der Begriff „ZERO“ stand gerade nicht für Nihilismus, sondern für den Neubeginn, für den Endpunkt des Countdowns, wie das berühmte Manifest aus dem Jahre 1963 verdeutlicht: „Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero ist Zero.“ Die Protagonisten der Bewegung waren die Düsseldorfer Heinz Mack, Günther Uecker und Otto Piene. Das Trio „malte“ mit den Elementen, mit Feuer und Rauch, Licht und Bewegung. Ueckers Arbeiten aus Nägeln oder auch schon mal Kleiderbügeln verändern sich je nach Lichtquelle und Schattenwirkung ebenso wie nach Standort des Betrachters. Von Mack ist bei Ahlers Pro Arte ein kinetisches Kreisobjekt aus metallenen Feldern zu sehen, das eine hypnotische Wirkung entfaltet.

Der Nouveau Réalisme war nicht nur insofern breiter aufgestellt, als es hier internationaler zuging. Die künstlerischen Handschriften unterschieden sich zudem noch deutlich stärker; das verbindende Element war im Wesentlichen die Verwendung realer Gegenstände. Da gab es die „Affichisten“ wie Raymond Hains und Jacques Villeglé, die Plakatschichtungen von den Wänden rissen und sie auf Bildträger überführten, somit die Eingriffe anonymer Passanten zur Kunst erklärten. Arman, der seinen Nachnamen Fernandez wegzulassen pflegte, irritierte mit Anhäufungen banaler Objekte – seine schönste Arbeit in der Ausstellung trägt den Titel „Jericho“ und besteht aus einem Kasten voller alter Autohupen.

Jean Tinguely baute mit Vorliebe ebenso witzige wie sinnfreie Maschinen und ist hier mit einer munter vor sich hintuckernden und -trötenden Radio-Skulptur vertreten, die der Besucher selbst per Knopfdruck in Bewegung setzen kann. Der vielseitige Daniel Spoerri erdachte unter anderem die sogenannten Fallenbilder, bei denen er Tassen, Teller und Aschenbecher auf der Tischoberfläche fixierte und um 90 Grad kippte – selbstverständlich mitsamt allen Zigarettenkippen und Speiseresten.

Eine Sonderstellung nahm Yves Klein ein: Manche halten ihn ob seiner monochromen Bilder (die übrigens keineswegs immer blau sein müssen) für das größte Genie aller Zeiten, andere für den ultimativen Scharlatan. Bedenkenswert sind die Ansichten des früh verstorbenen Künstlers allemal: „Durch die Farbe empfinde ich die vollkommene Übereinstimmung mit dem Raum; ich bin wirklich frei.“

Mag mancher Besucher mit herkömmlichem Kunstverständnis hier und da auch die Stirn runzeln, eines ist gewiss: Langweilig wird diese Ausstellung nicht so schnell, zumindest wenn man einen gewissen Sinn für das Reduzierte einer- und das Skurrile andererseits mitbringt.

„ZERO und Nouveau Réalisme

Die Befragung der Wirklichkeit“: Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte, bis 26. Juni, geöffnet freitags bis sonntags von 12 bis 17 Uhr. Karfreitag sowie Oster- und Pfingstsonntag geschlossen.

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