Theater Bremen verpackt Thomas Melles Roman „Sickster“ als Bühnengeschenk – das Auspacken bereitet wenig Freude

Kingsize, Roll-Out, Zoning und so weiter

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Bitte schön: Thorsten (Paul Matzke) serviert dem Bremer Publikum seine eigene Verzweiflung – goldenes Schleifchen inklusive.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Der Herbst hat noch nicht einmal so richtig begonnen, da steht im Kleinen Haus des Bremer Theaters auch schon das erste Weihnachtsgeschenk parat. Eine raumfüllende Goldschleife ziert die Bühne zu Felix Rothenhäuslers Produktion „Sickster“.

Was gibt‘s denn zu feiern, wer wird da beschenkt? Vielleicht Schriftsteller Thomas Melle. Dessen Roman ist es immerhin, der hier als Theaterstück seine Uraufführung feiert: ein Werk, das es im vergangenen Jahr bis auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hatte. Wegen seiner eindringlichen Beschreibung der Leiden an einer beschleunigten, reizüberfluteten, sinnentleerten Welt. Dargestellt an drei Lebensentwürfen unserer Zeit, am „Space-Manager“ Thorsten, an dessen Freundin Laura und an Magnus, Redakteur der Kundenzeitschrift eines Mineralölkonzerns.

In Bremen treten sie der Reihe nach auf, eine Abfolge von Monologen, allein bei Übergabe des imaginären Staffelstabs kommt es zu knappen Begegnungen. So ist als erster Thorsten an der Reihe, ein BWL-Typ in dunklem Anzug und mit Seitenscheitel (Paul Matzke), der sich vor die Riesenschleife (Bühne: Michael Köpke) stellt. „Ich stehe auf dem Boden der Tatsachen“, erklärt er zu Anfang noch. Doch das soll sich schon bald ändern, als er ausholt, um seinen Arbeitsbereich „Space-Management“ zu skizzieren. „Space-Management“, das sei nämlich: „die umsatzsteigernde Neustrukturierung und Optimierung von Shopbereichen“, die „Zusammenfassung von Trends, Regionalitätsfaktoren und netzinternen Besonderheiten“ sowie nicht zuletzt „Steuerung der Einzelsegmente, höchstmögliche Margen, Top-Produkte, Kingsize-Lösung, Roll-Out, Zoning“ – und so weiter. Es ist aussichtslos, von diesem Betriebswirtschaftsgewäsch etwas verstehen zu wollen, aber darum geht es auch nicht. Es geht vielmehr um den Rausch dieser Sprache, um das Begriffslabyrinth, in dem sich Thorsten verliert, und um den Druck, der ihn zerstört in Gestalt einer immer bedrohlicheren Geräuschkulisse (Musik: Matthias Krieg).

Die Arbeitserfahrung in unserem kapitalistischen System, erfahren wir hiermit, ist kein Spaß. Man redet an gegen das beständige Crescendo der Optimierung und Rationalisierung, wird von selbigem schließlich zu Boden geworfen und findet Zuflucht nur noch unter einer goldenen Schleife. Ganz einsam hockt Thorsten da nämlich irgendwann, ängstlich wie ein Rehkitz nach der Freundin rufend: „Laura! Laura!“ So viel bleibt also vom „Space-Management“.

Laura (Karin Enzler) ist dann eine zierliche junge Mitarbeiterin aus der Marktforschung. Ihr Arbeitsalltag: „Ja, guten Tag, ich rufe im Auftrag des Instituts ‚Strong Opinions‘ an, wir führen zurzeit eine Umfrage durch… Ja guten Tag, ich rufe im Auftrag…“ Und so weiter.

Die Grundidee dieses Abends, sie erweist sich spätestens an diesem Punkt als Zwangsjacke. Korsett statt Konzept. Denn so gewiss wie Thorsten eben noch im eigenen Monolog an den Überforderungen seiner Umwelt verzweifelte, so absehbar stürzt sich jetzt Laura in ihre eigene Krise an der Sinnfreiheit dieser Welt und Zeit. So zuverlässig wird auch sie sich irgendwann unter der Schleife verkriechen. Und so unzweifelhaft wird auch der Dritte im Bunde, Redakteur Magnus (Claudius Franz), irgendwann erscheinen, um sich seinerseits unter anschwellender Musik in einen selbstquälerischen Monolog zu verwickeln.

Der eine zerbricht an der Optimierung, die andere am fehlenden Sinn, der Dritte am Zuviel der äußeren Eindrücke. Sie scheitern verschieden und doch gleich: verschieden in der Ursache, gleich in der Form.

Es ist vielleicht nicht anders möglich, das innere Scheitern am Außen zu zeigen. Allerdings stellt sich dann die Frage, worin Felix Rothenhäusler (der mit dieser Produktion seinen Einstand als Hausregisseur gibt) überhaupt die Notwendigkeit einer Bühnenadaption dieses Romanstoffes sieht. Denn die Erkenntnis der Überforderung, die Krise des Einzelnen in der Gesellschaft – das allein bedeutet nun wahrhaftig keine neue Erkenntnis.

So zeigen sich die wenigen überzeugenden Momente in den rar gesäten Begegnungen dieses Stücks. Wenn etwa Thorsten seinem unter der Überfülle der Weltwahrnehmung leidenden Freund Magnus in Manier des Hauptmanns aus „Woyzeck“ bescheinigt, er sei „ein guter Mensch“. Oder wenn er seiner Freundin Laura eine Affäre gesteht und man nicht weiß: Sprach er nur in Gedanken? Hörte sie ihn nicht? Oder lässt sie das Geständnis an ihrem kühlen Selbstschutz abperlen?

Dass diese szenischen Streiflichter überhaupt aufflackern, ist vor allem der darstellerischen Leistung zu verdanken. Einer Leistung, wie sie sich insbesondere in Paul Matzkes Interpretation des Space-Managers Thorsten manifestiert, dem er einen unverkennbaren Ekel vor seinem eigenen Snobismus verleiht. Karin Enzler überzeugt als materiell gesättigtes, doch geistig dürstendes Individuum, Claudius Franz gelingt eine stringente Ausformulierung des Niedergangs am Überfluss. An der Zähflüssigkeit dieses Abends aber kann das alles nichts ändern.

Weitere Vorstellungen: morgen um 18.30 Uhr sowie am 6. und 12. Oktober, jeweils um 20 Uhr.

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