Yumi Jung in Bremer Galerie Kramer

Kindheit im Ohr

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Ein Ballon, drei Knubbel: Die Galerie Kramer zeigt Werke von Yumi Jung. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Ein Tisch mit Platte, aber ohne Tischbein: Geht das überhaupt? Natürlich geht das. Links lädt eine im Schwimmbadstil geschwungene Leiter zum Klettern auf die Platte ein.

Rechts geht es wieder hinunter – mittels ziemlich kantig konstruierter Rutsche. Beides, Leiter und Rutsche, dient vordergründig zum Hinauf- und Hinunterkommen. Daneben aber, scheinbar zufällig, erfüllen sie auch noch eine statische Funktion: Ohne die Auf- und Abstiegshilfen könnte die Platte nicht so schön leicht und luftig im Raum schweben.

„Alltagsspur“ nennt sich die Ausstellung, die zurzeit in der Bremer Galerie Kramer Werke der Künstlerin Yumi Jung zeigt. Auf einen Tisch zu klettern, um sogleich von ihm wieder herunterzurutschen, wird mit diesem Alltag weniger gemeint sein als eine Verschränkung von Spiel und Funktion, die in diesem Konstrukt erahnbar ist. Denn einerseits erinnert der Schreibtisch mit seinem sorgsam drapierten Notizbuch an die Herausforderungen des Erwachsenenlebens, an Studium und Lektüre, an lernen und schreiben.

Andererseits werden diese Kennzeichen der Disziplin und Schwere von verspielter Leichtigkeit getragen: Erinnerungen an Freibadspaß und Spielplatzfreude. Wie auch die aus einem Posaunenzug konstruierte Schreibtischlampe dem rationalen Akt der Arbeit eine musikalische Note verleiht. Man kommt nicht umhin, in diesem Spannungsfeld ein Spiegelbild des künstlerischen Schaffens an sich zu sehen: Kunstproduktion als erarbeitetes Spiel – mit einem tiefen Griff in den Fundus der Kindheitserinnerungen.

Zu den Metaphern, die bei Yumi Jung auf diese Frühzeit des Lebens verweisen, zählt der Luftballon. Insbesondere dessen Knoten hat es der Künstlerin angetan: Wir finden ihn unversehens zwischen Ritzen eines ausgedienten Hockers, mitten auf einer braunen Masse am Fuß der Rutsche oder auch als Kopfhörer eines Abspielgeräts. Kindheit schiebt sich auf diese Weise ganz subtil in die Ohren des Nutzers, und wenn ein aufgeblasener Ballon gleich an drei Stellen zugeknotet ist, so stellt das die Funktion eines Ventils auf wiederum spielerische Weise in Frage.

Und doch erscheint das Ballonmotiv über weite Strecken arg strapaziert. So mag man Jung schwer folgen, wenn sich aus den Fugen einer ausgedienten Matratze ein weißer Ballon quält oder wenn ein solches Stück andernorts per Spanngurt an vier Gipsplatten gezurrt wird. Genau auf die Ecke, wo es schön weh tut. In solchen Fällen vermisst man den originellen Dreh, die intellektuelle Raffinesse, von welcher das zentrale Werk des schwebenden Tischs noch geprägt ist. So wird bei Yumi Jung aus „Alltag“ allzu bald Konvention: eine Angleichung an gängige Ausdrucksformen des Kunstbetriebs – statt deren kritischer Reflexion.

Bis 26. April in der Galerie Kramer, Vor dem Steintor 46, Bremen. Öffnungszeiten: Mi.-Fr. 15-19 Uhr, Sa. 10-16 Uhr.

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