Sebastian Schug kann in Hannover nicht erklären, was uns García Lorcas „Yerma“ noch zu sagen hat

Kinderlosigkeit als Skandal

Da liegt er: Yerma (Sandra Bayrhammer) hat Juan (Sebastian Schindegger) umgebracht.

Von Johannes BruggaierHANNOVER (Eig. Ber.) · Warum Angela Merkel keine Kinder hat? Ihre Sache. Ob Kinder oder nicht und wenn nein warum: Das alles ist heutzutage Privatangelegenheit. In Federico García Lorcas katholischem Spanien war das noch anders. Kinderlosigkeit wurde da noch auf dem Marktplatz diskutiert, schuld war dabei natürlich stets die Frau.

Lorcas „Yerma“ passt also nicht so ohne weiteres in ein deutsches Theater des beginnenden 21. Jahrhunderts. Die zwangsverheiratete Hirtentochter, von ihrem Mann vernachlässigt, von den Waschfrauen im Dorf verhöhnt, weil sie nach fünf Jahren Ehe immer noch kein Kind zur Welt gebracht hat: Die Geschichte schreit nach Erklärung, nach einer Übersetzung, die das Zeitlose hinter der in ihrem historischen Kontext befangenen Handlung enthüllt.

Regisseur Sebastian Schug lässt dieser Umstand kalt. Ganz klassisch hat er in Hannover „Yerma“ auf die Bühne des Schauspielhauses gebracht. Wobei klassisch in diesem Fall meint: brechtisch. Ein schwarzer Bretterverschlag (Bühne: Christian Kiehl) markiert Hütte und Dorfplatz zugleich, umrahmt von Scheinwerfern. An den Seiten jeweils zwei Stühle: Wer abtritt, nimmt hier Platz, den weiteren Fortgang des Abends verfolgend. Links klimpert eine Zweier-Kombo auf Tasteninstrumenten und Kontrabass.

In dieser Kargheit diskutiert Yerma (Sandra Bayrhammer) mit ihrem Mann Juan (Sebastian Schindegger) ihr Seelenleiden aus: die Unfruchtbarkeit. Trübsinnig, sich an den Armen reibend sinniert sie über ihr Schicksal – vom tumben Juan mit offenem Mund und dümmlichem Blick beobachtet. Auch er weiß nicht, wohin mit seinen Extremitäten, formuliert schließlich vor lauter Verlegenheit den rührenden Vorschlag: „Warum holst du dir nicht ein Kind deines Bruders ins Haus?“

Später, auf dem Marktplatz, wird getratscht. Die Yerma und ihre Ehe: Wird schon einen Grund haben, dass sie keine Kinder kriegt. Schaut sie nicht auch ständig anderen Männern hinterher? Will sich wohl jung und hübsch halten!

Befremdlich mutet Yermas Besuch bei der Geisterbeschwörerin (Sachiko Hara) an. Nicht genug, dass die Verschämtheit dieses Hilfsersuchens kaum in Zeiten eines öffentlich stattfindenden Esoterikbooms passen mag, präsentiert Schug auch noch eine wahre Karikatur an Wunderheilerin – Blümchen im Haar und Kunststoff-Pimmel inklusive. Warum es ein Skandal ist, dass eine Frau mit Kinderwunsch Hilfe sucht, warum sie einem Mann die Treue hält, den sie nicht liebt, warum sie am Ende keinen anderen Ausweg sieht, als ihn umzubringen (die zarte Person erwürgt den Baum von Mann, auch dies unglaubwürdig): All das bleibt unklar, allenfalls historisch begreifbar.

Dabei hatte Dramaturg Volker Bürger noch im Programmheft einen bedenkenswerten Deutungsansatz offenbart. Nicht um das Kind nämlich gehe es Yerma, sondern um Wachstum. Und darin sei sie sich mit Juan grundsätzlich einig. Allein: Der Mann will erst das Wachstum seines Besitzes vorantreiben, bevor er das Risiko des familiären Wachstums eingeht. Das kinderlose Ehepaar spiegelt auf diese Weise den Widerspruch von Wachstumswahn und Sicherheitsbedürfnis in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem. Was ein vielversprechendes Regiekonzept gewesen wäre.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 20. und 25. März, jeweils 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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