Oskar Roehlers Roman „Herkunft“ feiert in Bremen eine sehenswerte Premiere als Theaterstück

Kind sein im Nachhall des Krieges

Szene einer Ehe: Nora (Lisa Guth) gibt sich die Kante, Rolf (Claudius Franz, r.) flüchtet sich in die Einsamkeit – und der künftige Sohn Robert (Matthieu Svetchine) betrachtet als Besucher aus der Zukunft mit Grauen das Geschehen.
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Szene einer Ehe: Nora (Lisa Guth) gibt sich die Kante, Rolf (Claudius Franz, r.) flüchtet sich in die Einsamkeit – und der künftige Sohn Robert (Matthieu Svetchine) betrachtet als Besucher aus der Zukunft mit Grauen das Geschehen.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Die Familie, das ist dein Feind: eine Anstalt der Machtspiele und Intrigen, getarnt als Hort der Harmonie mit Händchenhalten am Mittagstisch. Ausnahmen gibt es leider keine, jedenfalls nicht, wenn es nach den Schlüsselromanen der Weltliteratur geht – von „Hamlet“ bis „Don Karlos“, von den „Brüdern Karamasow“ bis zu den „Buddenbrooks“.

Mit der Studentenbewegung der sechziger Jahre wurde aus der Familie scheinbar ein demokratisches Gefüge souveräner Persönlichkeiten, frei von Autoritätsgehabe und Pflicht zur Dankbarkeit. Die Qual der familiären Zwangs existenz, so lautete die Hoffnung, sollte ein Ende finden. Was für ein Irrtum.

Oskar Roehler, deutscher Filmregisseur und Spross jener Aufbruchszeit, berichtet in seinem autobiografischen Buch „Herkunft“ von einer Kindheit, wie man sie aus den finstersten Entwicklungsromanen kennt. Es geht darin um ein Autorenpaar, das zwei ganze Menschenleben benötigt, um das elterliche Erbe abzuschütteln. Und um einen Autorensohn, für den in diesem lebenslangen Kampf einfach kein Platz mehr ist.

Seit Amtsantritt des Intendanten Michael Börgerding pflegt man am Theater Bremen eine Vorliebe für solche abendfüllenden Familienepen: Haben sich doch erst in der vergangenen Spielzeit die Kinder und Kindeskinder des Johann Buddenbrook öffentlich gehasst, geliebt, gestritten und versöhnt. Am Freitagabend erlebte nun Roehlers „Herkunft“ in einer Inszenierung von Frank Abt seine Uraufführung als Bühnenstück.

Worin der Unterschied bestehen würde zwischen Thomas Manns feiner Kaufmannsfamilie und Oskar Roehlers Nachkriegsgesellschaft, sollte sich dabei früh zeigen. Denn wo bei den „Buddenbrooks“ edles Parkett wohnliche Gemütlichkeit verbreitet, steht bei Roehler eine abweisende Wand im Raum (Ausstattung: Susanne Schuboth): Es dürfte wohl manches verzweifelte Anrennen geben an diesem Abend.

Als erster versucht sich Erich Freytag (Alexander Swoboda) darin, die Festung zu stürmen. In der Kriegsgefangenschaft hatte er sich von Maden ernährt, hatte Nächte in arktischer Kälte überstanden und sich längst schon auf den Tod vorbereitet. Jetzt ist er plötzlich wieder da: im Leben, in Deutschland, in seiner Familie. Und wenn auch die Erfahrungen der Kriegsheimkehrer, ihre Traumata und ihre entfremdeten Ehefrauen schon bis zum Überdruss ausgeleuchtet worden sind, so offenbart sich in dieser Heimkehr des Erich Freytag doch eine neue Facette dieses Motivs: das Schweigen. Nicht jenes Schweigen, das gemeinhin als Ausdruck der kriegsbedingten posttraumatischen Belastungsstörung gilt. Sondern vielmehr die Erkenntnis, dass nach Jahren der Trennung mit ihren so gegensätzlich verlaufenen Lebenswegen schlichtweg keine sprachliche Brücke mehr erhalten ist: nicht zur Ehefrau Elli (Susanne Schrader) und nicht zum Sohn Rolf (Claudius Franz).

Sein Spiegelbild heißt Dr. Martin Ode (Robin Sondermann), wohlhabender Familienvater mit hübscher Tochter und leitender Anstellung bei Siemens. Wo Freytag schweigt, gefällt sich Ode in lautstarken Ansprachen, und wo jener als Kriegsheimkehrer einen Neuanfang wagt, versucht dieser davon abzulenken, dass er im Krieg zuhause geblieben war. Zwei Gesichter ihrer Zeit, jedes auf seine Weise ein Abbild der Verhältnisse.

Der Krieg bildet für Abt den Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen Spaltung in Extreme. Sie entsteht auf der einen Seite durch Abwehr, wenn Dr. Odes Tochter Nora (Lisa Guth) sich ausgerechnet mit dem ärmlichen Rolf einlässt, statt ihren Eltern als Kuppelware für die Nürnberger High Society zur Verfügung zu stehen. Und auf der anderen Seite durch Übertragung, wenn sich Rolf die Distanziertheit seines Vaters aneignet und später seinerseits den eigenen Sohn Robert anschweigt.

So offenbart sich im Schicksal ebendieses gemeinsamen Sohnes (Matthieu Svetchine) von Nora und Rolf der mächtige Nachhall des Krieges. Es ist der Missklang zweier Eltern, die aus konträren Perspektiven um ihre Autonomie ringen. Und die gar nicht merken, dass sie vor lauter Kampf gegen die an sie gerichteten Erwartungshaltungen ihrem eigenen Kind überhaupt keine Erwartungen entgegenbringen.

Schauspielerisch wird das über weite Strecken auf hohem Niveau interpretiert. Zu nennen ist hier Matthieu Svetchine, dem es gelingt, Robert in seiner Entwicklung kindlich, aber niemals kindisch zu spielen. Alexander Swoboda deutet die sein Spiel so häufig prägende Nonchalance auf anrührende Weise in den Ausdruck einer tiefen Unsicherheit um. Und Claudius Franz legt in Rolf eindrucksvoll das Spannungsfeld aus einer Sehnsucht nach geordnetem Leben einerseits, dem Reiz der Rebellion andererseits frei. Großartig schließlich auch Lisa Guth mit einer Nora Ode, deren Leiden am Tochtersein immer als Urgrund der Hysterie kenntlich bleibt.

Der Regie ist jedenfalls für den ersten Teil eine schlüssige Erklärung für die Notwendigkeit dieser Bühnenadaption zu bescheinigen. Denn was im subjektiven Nacheinander der Erzählung verborgen bleibt, zeigt sich dem distanzierten Blick aufs Bühnengeschehen umso deutlicher: dass nicht ihre Prägung die Figuren dazu verdammt, gegen Wände anzurennen, sondern ihre Unfähigkeit zur Veränderung. Ein jeder bleibt auf seinem Gleis, auch wenn es in den Abgrund führt. Dass dieses fatale System des kollektiven Verharrens in eingeübten Mechanismen gegen Ende ein wenig an Klarheit verliert, verdient da allenfalls eine Randbemerkung.

Kommende Vorstellungen: am 13. Februar, am 1., 14. und 22. März, jeweils um 19 Uhr sowie am 23. Februar um 18.30 Uhr.

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