Musikindustrie veröffentlicht Box-Sets ohne Ende

Kiloweise Klassik-Kisten

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Könnten schnell Mondpreise kosten: Zehn Kilogramm Mozart. 

Hannover - Von Jörg Worat. Wie viele Regalmeter sind noch frei? Als gäb’s kein Morgen mehr, hauen die Plattenfirmen eine preisgünstige Box nach der anderen heraus. Auch und vor allem im Klassiksektor: Wer sein Weihnachtsgeld noch nicht verprasst hat, kommt vielleicht bei folgenden sechs Highlights des Jahres 2016 in Versuchung.

Mono

Die Box „Deutsche Grammophon: The Mono Era 1948 – 1957“ beweist, dass es im Grunde nur ein Kriterium für Musikaufnahmen gibt. Und das heißt weder „neu oder alt“ noch „bekannt oder unbekannt“, sondern „gut oder schlecht“. Die Aufnahmen auf diesen 51 CDs, von denen ein Drittel erstmals überhaupt in diesem Format erscheint, glänzen durchaus mit großen Namen wie Furtwängler, Fricsay oder Kempff, nicht minder beeindruckend ist aber, welches Feuer etwa das NDR-Sinfonieorchester unter Hans Schmidt-Isserstedt mit der Solistin Monique Haas bei Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur entfacht. Die Veröffentlichung ist klanglich hervorragend aufbereitet und liebevoll gestaltet, mit klassischen Gelbband-Covern und CDs im Vinyl-Look. Und ein paar Kuriositäten enthält sie auch, in Gestalt Rudi Schurickes und des Don-Kosaken-Chors.

Deutsche Grammophon: The Mono Era 1948 – 1957 (51 CDs)

Intensiv

Manche halten ihn für den größten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Der Ungar Béla Bartók verband in einzigartiger Manier Klassik, Avantgarde und osteuropäische Folklore. Eine neue Box mit sämtlichen Werken lässt keine Wünsche offen, was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass hier zahlreiche Landsleute Bartóks vertreten sind. Neben Iván Fischer, Antal Doráti oder Zoltán Kocsis mischen aber auch Größen wie Pierre Boulez, Viktoria Mullova und Chick Corea (!) mit. Viel intensivere Musik ist schwer vorstellbar, wohl aber leichter verdauliche – manches erschließt sich nicht unbedingt beim ersten Hören. Beispielhaft: Es gibt gleich zwei Booklets, eines enthält die gesungenen Texte in Originalsprache und englischer Übersetzung.

Béla Bartók – Complete Works (32 CDs)

Philharmonisch

Es soll auch was fürs Auge sein? Seit die Berliner Philharmoniker 1991 den schönen Brauch aufnahmen, jedes Jahr am 1. Mai in wechselnden europäischen Städten zu spielen, wurden diese Konzerte weltweit übertragen. Die Mitschnitte der ersten 25 Jahre sind jetzt in einer ansprechend gestalteten Box zu haben. Die Programme fallen nie gar zu extravagant aus, hochkarätige Solisten mischen mit. Natürlich sind die Chefdirigenten Claudio Abbado und Simon Rattle besonders oft vertreten, allerdings gehört auch das 1995er Florenz-Konzert unter Zubin Mehta zu den Highlights – große Klasse, wie leichtfingrig die damals 14-jährige Geigerin Sarah Chang hier Paganini interpretiert. Ebenfalls toll der Prager Auftritt von 2013, der Simon Rattle bei Vaughan Williams, Dvorák und Beethoven vergleichsweise tiefenentspannt zeigt.

Berliner Philharmoniker: 25 Jahre Europakonzert (25 DVDs)

Komplett

Man kann darüber debattieren, ob die „Mona Lisa“ tatsächlich ein Meisterwerk ist. Oder Mozart der alles überstrahlende Stern am Musikhimmel. Unstrittig ist hingegen, dass man diesem Komponisten kaum eine umfassendere Edition hätte widmen können als die zum 225. Todestag erschienene Mega-Box. Weltweit auf 15 000 Exemplare limitiert und nummeriert, enthält der Zehn-Kilo-Klotz 200 CDs mit allem, was der Fan begehrt – das komplette Werk samt Fragmenten, Bearbeitungen und Alternativeinspielungen. Dazu kommen zwei gebundene Bücher, fünf Kunstdrucke, das neu herausgegebene Köchelverzeichnis. Unter den Interpreten: Cecilia Bartoli, Friedrich Gulda, Bryn Terfel, Mitsuko Uchida, Alfred Brendel, Anna Netrebko, Trevor Pinnock. So viel Luxus gibt es natürlich nicht geschenkt, aber noch ist die Box, gemessen am Inhalt, durchaus erschwinglich. Was sich ändern mag: Einmal vergriffen, könnte das schmucke Stück, dem mit www.mozart225.com sogar eine eigene Website gewidmet ist, schnell Mondpreise kosten.

Mozart 225 – The New Complete Edition (200 CDs)

Mittelalterlich

Das Label L’Oiseau-Lyre hat in Hinblick auf historische Aufführungspraxis Maßstäbe gesetzt. Die neueste Box aus dem legendären Haus ist auch die schönste: „Medieval & Renaissance“ deckt die frühe Musik über mehrere Jahrhunderte ab. Vertreten sind bekannte Komponisten wie Byrd, Monteverdi oder Praetorius, aber den Hauptreiz machen wieder einmal die Exoten aus: Äußerst übermütig etwa kommt das mittelalterliche „Narrenfest“ daher, wunderschön die Musik von Bartolomeo Tromboncino. Hochkarätige Interpreten, einige CD-Erstveröffentlichungen, Original-Cover-Art, ein dickes Booklet – es fällt schwer, Argumente gegen diese Box zu finden.

L’Oiseau Lyre – Medieval & Renaissance (50 CDs)

Risikofreudig

Was ist in der Musik am wichtigsten? Rasante Technik? Präzision? Gestaltungskraft? Wer sein Kreuz beim letztgenannten Punkt macht, kommt an Gidon Kremer nicht vorbei – im Geigenspiel kann dem Letten kaum jemand das Wasser reichen. Eine Box vereint höchst abwechslungsreiche Konzerte, die der risikofreudige Meister mit namhaften Orchestern eingespielt hat. Bekanntlich engagiert sich Kremer gern für zeitgenössische Komponisten wie Philip Glass, er bringt aber auch Bach zum Strahlen. Und macht, selbst wenn das unmöglich scheint, sogar aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ etwas Neues.

Gidon Kremer - Complete Concerto Recordings on Deutsche Grammophon (22 CDs)

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