„Shakespeare, Mörder, Pulp & Fiktion“ im Bremer Lagerhaus

Killerduo mit Seelenleiden

+
Das pralle Leben in seiner ganzen alltäglichen Tragik: Rock‘n‘Roll mit Pulp (Michael Meyer) und Fiktion (Tim D. Lee). ·

Bremen - Von Corinna LaubachAugen auf bei der Berufswahl. Der gern zitierte Spruch passt auch bestens auf die zwei Gestalten, die dem Publikum im Kulturzentrum Lagerhaus ihr Leid klagen. Pulp (Michael Meyer) und Fiktion (Tim D. Lee), zwei nur scheinbar skrupellose Auftragskiller.

Oberflächlich betrachtet scheint das Duo cool mit Hang zum Morbiden. Oben die dunkle Sonnenbrille auf der Nase, unten die lange Unterhose um den Leib. Je fortgeschrittener der Abend, desto mehr scheinen sich die beiden vor Angst in die Hose zu machen. Und das macht sie doch gleich eine Partie sympathischer – bei dieser destaströsen Berufswahl. Sie können einem aber auch Leid tun, wie sie sich und ihre Lage selbst bedauern. Schuld sind natürlich – die Frauen. Und die hohen Herren, die damals wie heute für die Drecksarbeit ihre Handlanger haben.

Pulp und Fiktion erzählen in der rauchigen Lagerhalle vom Eishauch der Geschichte und dem historischen Gefühl, aber auch davon, dass sie diesen Job auch nur machen wie andere, um an Geld zu kommen. Sie erzählen davon mal auf der kleinen Bühne, auf der sie an Bass und Drums ihre Frustration rauslassen, und mal schräg gegenüber auf dem großen Sofa (Bühne: Melanie Kuhl).

Das Leben, sagen sie, sei schließlich nicht fair gewesen. „Ich hatte mal die Chance, gut zu sein“, lautet so ein Bekenntnis. Doch dann sei irgendwie vieles dazwischen gekommen: Weiber, Alkohol und Autos. Alles kostete Geld.

Oder aber die karge Gegenwart: „Ich hab‘ Frau und Kinder. Das heißt, meine Frau hat die Kinder“, so Pulp. Der Auftragsmord, den brauche er dringend, um Anwalt und Unterhaltszahlungen begleichen zu können. Das pralle Leben in seiner ganzen alltäglichen Tragik.

Wie kommen die beiden überhaupt in die Situation, auf einen Schlafenden im Rollstuhl (Florian Oberlechner) zielen zu wollen? Das ist Autor John von Düffel geschuldet, der mit „Shakespeare, Mörder, Pulp & Fiktion“ ein absurdes Königsdrama geschaffen hat, dessen Ausgang Richard III. und wiederrum dessen Auftragsmord am eigenen Bruder Clarence bildet.

Pulp und Fiktion sind in der Weiterspinnung des Stoffes und in Anlehnung an Quentin Tarantinos Gangsterepos „Pulp Fiction“ die zwei Henkersknechte, die sich damals bei Shakespeare und auch noch heute über Recht und Gerechtigkeit, Volk und hohe Herren, Freund und Feind, töten oder leben lassen im wortwitzreichen Disput aneinander reiben. Das ist über weite Strecken temporeiches und durchaus intelligent konstruiertes Spiel mit etlichem Witz. Wenn sie sich darüber streiten, ob der arme Clarence überhaupt und wenn ja wie um die Ecke gebracht werden soll, dann möchte man den zwei Tölpeln eigentlich nur Beileid für den schlechten Job aussprechen. In dieser absurden Krimischau verschmelzen Shakespeares Antihelden und Tarantinos Killer aus „Pulp Fiction“ zu einer amorphen Masse, Richard III. als unumstößliche machthungrige Instanz kommt als Stimme aus dem Off.

Frank Auerbach hat Von Düffels Werk für die bremer shakespeare company um einige bissige Punk-Rock-Lieder erweitert. Das ist zwar melancholisch, sarkastisch und auch durchaus böswillig, aber ebenso viel Lärm um Nichts. Der erzählten Komödie rund um Skrupel, Machtgier und Drecks arbeit gibt dies keinen Mehrwert. Aber es passt zum Stil der bremer shakespeare company, die gern mit Musik in ihren Stücken arbeitet und spricht so gesehen für Konsequenz in der Spielweise. Am Ende steht ein schräger Abend mit noch schrägeren Typen. Viel Applaus.

Weitere Vorstellungen am 13., 16. und 20. November um jeweils 20 Uhr im Lagerhaus.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Bei Bahn und Metro geht fast nichts mehr in Paris

Bei Bahn und Metro geht fast nichts mehr in Paris

Schweinepest breitet sich weiter in Polen aus

Schweinepest breitet sich weiter in Polen aus

Infos zu Bränden für Australien-Urlauber

Infos zu Bränden für Australien-Urlauber

Richtig Hilfe holen mit dem Smartphone

Richtig Hilfe holen mit dem Smartphone

Meistgelesene Artikel

Gegen die Kultureliten

Gegen die Kultureliten

Das Gerhard-Marcks-Haus zeigt Ricardo Brey

Das Gerhard-Marcks-Haus zeigt Ricardo Brey

Deutliche Worte

Deutliche Worte

Die Qual mit der Wahl

Die Qual mit der Wahl

Kommentare