Wolf Wondratschek und Lars Gustafsson bei der Eröffnung des Bremer Literaturfestivals „poetry on the road“

Gib dir den Kick der Poesie

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Ball geht immer. An ihn, das goldene Kalb der Neuzeit, klammern sich Schriftsteller, Philosophen und sonstige Vertreter der Intellektuellenzunft, die sich nach ein wenig Anerkennung der ansonsten so ignoranten Öffentlichkeit sehen.

Sie klammern sich ans runde Leder zu fast jeder Gelegenheit: vor der Weltmeisterschaft, während der Weltmeisterschaft, danach, dazwischen und überhaupt. Sie klammern sich daran in betulichen Zeitungsessays, bemüht heroischen Kurzgeschichten oder öffentlichen Lesungen – etwa zum Auftakt des Bremer Literaturfestivals „poetry on the road“ im Neuen Schauspielhaus.

Michael Augustin, Lokalgröße des Bremer Literaturbetriebs, hat Werder-Stürmer Claudio Pizarro ein Gedicht von Pablo Neruda in die Hand gedrückt. Die auf einen Internet-Videoclip gebannte Rezitation soll in Pizarros Heimat Peru nicht gut angekommen sein, weil Neruda doch Chilene war. Augustin aber darf sich rühmen, einen Fußballer zum Lesen gebracht zu haben. Und weil „Lyrik“ bei Google auf rund vier Millionen Einträge kommt, „Fußball“ aber auf mehr als 35 Millionen, hat er sicherheitshalber auch gleich seine eigenen Verse zwischen Strafraum und Anstoßkreis angesiedelt. „Punktelieferanten betreten das Stadion durch den Lieferanteneingang“ lautet so ein Sprüchlein oder auch: „Fallrückzieher können nicht zurückgezogen werden.“ Na ja.

Nachhaltiger wird der Auftritt von Vera Pavlova in Erinnerung bleiben. Dabei hat es den Anschein, als sei ihre Dichtkunst auch zwingend darauf angewiesen: den Auftritt. Denn was in der deutschen Verschriftlichung gefährlich klischeehaft anmutet – der „Strom der Tränen“, der „Strom des Blutes“, die sich „ablaichende Leidenschaft“ – lässt in Pavlovas ausgesprochen musikalischem Vortrag an knisternde Lagerfeuer und blinkende Sterne denken. Kitsch? Vielleicht. Womöglich aber auch einfach nur die Schönheit sprachlicher Intuition.

Das Kontrastmittel liefert Barbara Köhler. Erst weist sie Moderatorin Silke Behl zurecht – „ich komme aus Duisburg und nicht aus Berlin!“ –, verweigert sich dann der auf Lyrik gepolten Erwartungshaltung – „ich werde nur ein Gedicht rezitieren, und das ist nicht von mir!“ –, um sich schließlich mit einem „Essay“ nicht weniger vorzunehmen als einen historischen und etymologischen Abriss des Schönheitsbegriffs von der Antike bis zur Gegenwart. Eine klar strukturierte Metrik und ein rhythmisch akzentuierter Vortrag machen aus dem „Essay“ letztlich doch so etwas wie eine Ode auf die Wissenschaft. Und weil Oden nicht eben leicht ins Ohr gehen, hisst der Hörer angesichts der grauen Theorie früh die weiße Fahne.

Da kommt einem der leichtfüßige Humor eines Roger McGough gerade recht. Inspiriert von einem Alarmkasten versucht sich der britische Lyriker an den Variationen einer Gebrauchsanweisung. „Bei Feuer: Glas brechen“ impliziert den Rat „bei Glas: Mit Wasser füllen“, worauf „bei Wasser: schwere Stiefel tragen“ folgt. Ausgehend von einem schlichten Alarmkasten führt die Reise bald in ätherische Höhen, so auch zum „Licht“, welches die Aufforderung „Wahrheit suchen“ mit sich bringt. Am Ende heißt es: „Bei Pistole: Feuer eröffnen.“ Und natürlich: „Bei Feuer: Glas brechen.“

Tiefer, ernster, wahrscheinlich aber einfach nur deutscher ist Wolf Wondratschek. Zwölf Minuten seien ihm bloß gegeben worden, knurrt er ins Mikrofon. Sofern er sich beeile, reiche das gerade für seinen zwölfteiligen Gedichtzyklus „Tabori in Fuschl“ über den legendären Theaterregisseur George Tabori. Da spitzt man an dessen einstiger Wirkungsstätte natürlich die Ohren. Wondratschek raunt von der Liebe zwischen einem alten Mann und einem jungen Mädchen. Nach und nach entfaltet sich eine rührende Charakterstudie über den großen Regisseur, obgleich dieser zu keiner Zeit namentlich genannt wird.

Reine Prosa kommt an diesem Abend erstmals mit dem Schweden Lars Gustafsson zur Sprache. Lakonische Weltbetrachtungen, aufgehängt an Anekdoten des Alltags: Die Suche nach der Lesebrille führt zur Erkenntnis, dass der ganze Erdball nichts anderes als ein einziges Labyrinth der verlegten Gegenstände ist – von der Bronzezeit bis heute. Und liegt unserem Drang, auch die unbedeutendste Utensilie eines Haushalts aufzuspüren nicht ein ganz narzisstisches Motiv zugrunde? Die Hoffnung nämlich, auch uns möge jemand mit dem gleichen Eifer suchen? In einer gewollt schrägen Performance des Schweizers Jürg Halter, am Klavier begleitet von Annalena Fröhlich, findet ein ansonsten intellektuell unterhaltsamer Abend seinen Schlussakkord. Poesie verspricht immer noch den totalen Kick. Auch ohne Ball.

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