Hannoversches Staatstheater zeigt Fatma Aydemirs „Ellbogen“

Sie kennt nur ihre Wut

Ohne Zittern und Zagen: Katherina Sattler in „Ellbogen“. Foto: Sinje Hasheider

Hannover - Von Jörg Worat. Einen Kuschelkurs fährt das „Junge Schauspiel“ des hannoverschen Staatstheaters sicherlich nicht. Eine aktuelle Premiere erweist sich gar als knallharter Stoff: „Wut“, sagt die junge Frau da vorne im Ballhof Zwei irgendwann. „Meine ist so groß, dass sie nicht in mich hineinpasst.“ Davon, welche Ursachen und welche Folgen diese Wut hat, erzählt Fatma Aydemirs Roman „Ellbogen“. Diese Theaterfassung für Menschen ab 14 Jahren ist eine Übernahme vom Jungen Schauspielhaus Hamburg und verbleibt im Hannover-Repertoire.

Sie tigert schon auf der Bühne herum, wenn das Publikum den Zuschauerraum betritt, und schickt giftige Blicke in die Besucherschar: Hazal, so erfahren wir, nachdem alle sich gesetzt haben, will uns ihre Geschichte erzählen. Der Bühnenboden ist mit einer Art Asche bedeckt, im Hintergrund sieht man zwei große Ballons in Form der Zahl 18 – sie sind goldfarben, verheißen Glanz und Freiheit.

Um so trauriger, dass sie hier das genaue Gegenteil symbolisieren. Hazal wächst mit ihren türkischen Eltern in Deutschland auf und hat keine echte Chance, weder auf einen interessanten Beruf noch auf ein Privatleben, das diesen Namen verdient. Könnte sich mit dem 18. Geburtstag etwas ändern, zumal Hazal nach harten Kämpfen die Erlaubnis bekommt, die feierliche Nacht außerhalb zu verbringen?

Mit zwei Freundinnen zieht sie los – nur um nach langem Schlangestehen vor einem angesagten Club an der Tür abgewiesen zu werden. Das wütende Trio begegnet in der U-Bahn-Station einem Studenten, der genau so besoffen ist und blöde Anmacher-Sprüche loslässt. Nach einem Handgemenge landet er auf den Schienen der Bahn – die Auseinandersetzung ist eine tödliche geworden.

Hazal flieht nach Istanbul zu ihrem Internetfreund Mehmet, der sich allerdings als drogensüchtig entpuppt, und wird zudem, in politischer Hinsicht völlig naiv, mit Konflikten ganz anderer Art konfrontiert. Wie gut, dass es in Deutschland noch die verständnisvolle Tante gibt, die prompt in die Türkei fliegt.

Und just an dieser Stelle verweigert die Autorin eine wohlfeile Pointe: Hazal ist nämlich weit davon entfernt, so etwas wie Reue zu empfinden. Sie kennt nur ihre Wut. Das ist spannend, aber nicht ganz unproblematisch, vor allem, da der Text hämische Pointen auf Kosten des Totschlagopfers enthält. Welches Gefühl soll man, darf man, kann man der Protagonistin entgegenbringen? Sicherlich kein uneingeschränktes Verständnis, vielleicht entfernt so etwas wie Mitleid. Also genau das, was Hazal nicht will.

Eine Gewissheit hat man an diesem Abend allerdings: Was Solo-Darstellerin Katherina Sattler unter der Regie von Alexander Riemenschneider zeigt, ist bemerkenswert. Dass sie in Sekundenschnelle Sprach- und Körperhaltungen wechselt, ist nicht einmal der entscheidende Punkt, zumal neben Glanzleistungen wie der irgendwo zwischen cool und tonlos schwebenden Artikulation von Hazals Freunden Elma auch manch grenzwertig klischeehafte Umsetzung vor allem der Männerfiguren steht.

Aber es gelingt Sattler, knapp anderthalb Stunden lang ohne Zittern und Zagen im Fluss der Geschichte zu bleiben, ein Verstecken ist in der intimen Bühnensituation des Ballhof Zwei nicht möglich – von daher ist es verdient, dass sie mit dieser Rolle eine Nominierung für den renommierten Theaterpreis „Der Faust“ eingeheimst hat.

Sehen

Freitag, 20. Dezember, Donnerstag, 16. Januar, Montag, 20. Januar, 19.30 Uhr, Ballhof Zwei, Hannover;

staatstheater-hannover.de.

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