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Eingesprungene Kellylee Evans eröffnet mit großer Präsenz die Jazzahead

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Von: Ulla Heyne

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Große Stimme, große Präsenz: Die spontan eingesprungene Kellylee Evans erwies sich als mehr als würdiger Ersatz ihrer Landsmännin Erin Costello.
Große Stimme, große Präsenz: Die spontan eingesprungene Kellylee Evans erwies sich als mehr als würdiger Ersatz ihrer Landsmännin Erin Costello. © Ulla Heyne

Eigentlich hätte die Jazzahead mit einem Auftritt von Erin Costello in die diesjährige Ausgabe starten sollen. Doch die Sängerin erkrankte an Corona, weshalb Kellylee Evans einsprang. Kein schlechter Tausch.

Bremen – Endlich wieder Jazz, endlich wieder kollektives Live-Erlebnis – unter dem Motto „Together again“ fiel nun der Startschuss zur zehnten Jazzahead, wie immer zwei Wochen vor dem Start eines der wichtigsten Branchentreffen mit Messe und zahlreichen Konzerten. Improvisationstalent war indes nicht nur auf der Bühne des Theater Bremen gefragt, sondern auch dahinter. Ausgerechnet der Versuch, mit der Buchung nur eines der sonst üblichen zwei Acts des Gastlandes das Ausfallrisiko zu minimieren, sollte nach hinten losgehen: Coronabedingt musste Erin Costello als Vertreterin des Gastlandes Kanada wenige Tage vor dem Auftritt absagen.

Dass das Land „Vielfalt verkörpert und damit die Antriebsfeder auch des Jazz lebt“ (Bürgermeister Andreas Bovenschulte), stellte die eingesprungene Kellylee Evans unter Beweis. Überaus gern unterbrach die Tochter jamaikanischer Einwanderer ihre Frankreich-Tournee, um nach einem Showcase-Konzert 2015 wieder in die Hansestadt zurückzukehren, hat sie während der Pandemie doch intensiv Deutsch gelernt. So freute sich die 47-Jährige sichtlich über eine Gelegenheit, gut zwei Stunden lang ihre Sprachkenntnisse zu erproben. Mit der Grenzgängerin zwischen Soul, Pop und Jazz zur Eröffnung des laut Bovenschulte „kulturellen Brückenschlags von 60 Nationen mit Strahlkraft weit über Bremen und die Region hinaus“ hatten die künstlerischen Leiter Peter Schulze und Uli Beckerhoff einen wahren Glücksgriff gelandet: Die Frohnatur animierte jenseits ihrer musikalischen Meriten das Publikum im zumeist reifen Alter im nicht ganz ausverkauften Haus ganz Jazzahead-untypisch nicht nur zum Mitklatschen, sondern gar Mitsingen und Tanzen und stärkte so das vom Botschaftsrat für Kultur an der kanadischen Botschaft, Jeanne Duchamp, beschworene und gerade angesichts der aktuellen Lage in der Welt so wichtige Gemeinschaftsgefühl.

Reise durch sieben Alben

Dabei hat die Sängerin und Komponistin aus Ottawa, im vergangenen Jahrzehnt Shootingstar in der Szene, eigentlich allen Grund, nicht unbedingt pure Lebensfreude zu verstrahlen: Ihre verheißungsvolle Karriere nahm einen jähen Knick, als sie nach der Veröffentlichung des preisgekrönten Albums „Nina“, einer Hommage an Nina Simone, vom Blitz getroffen wurde. Ein Unfall, der die Sängerin auch heute auf der Bühne merklich einschränkt. Mit ihrer Energie muss sie in diesen Tagen haushalten; dass sie sich auch körperlich eigentlich noch mehr verausgaben möchte, ist dem Energiebündel deutlich anzumerken. Doch auch vom Barhocker aus entwickelt sie mit einer unglaublich wandelbaren, nuancierten Stimme, positiver Ausstrahlung und viel Showtalent große Strahlkraft bei ihrer Reise durch insgesamt sieben Alben. „Don´t wonna be a good girl“ – dass die expressive Sängerin nicht das „brave Mädchen“ sein will, man nimmt es ihr ab.

Dass ihr Leben komplett umgekrempelt wurde – nicht nur infolge der Pandemie und eines Schädeltraumas, das sie bei einem Sturz zu allem Starkstrom-Überfluss erlitt –, ist dem neuen Album anzuhören, übrigens dem ersten nach sieben Jahren Pause. Die Songs von „Green Light“ geben sie nicht nur grünes Licht für mehr Tiefe, sondern zeigen auch eine neue Verletzlichkeit. „Holding you“ erinnert mit coolem Funk in den Baselines an die frühe Sade, das latein-amerikanisch angehauchte, groovige „To feel my Love“ wird zur Hymne des Abends. Andere Songs kommen kantiger daher, brechen mit der Eingängigkeit des frühen Schaffens.

Begleitung durch grandiose Band

Für wahrhaft Jazzahead-würdige Momente sorgt ihre grandiose Band, allen voran Gitarrist Joann Kampst. Aber auch Remi Rascar (Bass) und Rilo Bertelo (Schlagzeug) dürfen solistisch beweisen, dass sie mehr können als einfühlsame, pointierte Begleitung mit präzisem Timing. „Unbreakable“, die erste von drei Zugaben, subsumiert vielleicht nicht nur ein persönliches Lebensgefühl nach so vielen Schicksalsschlägen, sondern auch das derzeitige Lebensgefühl in der Branche nach zwei Jahren Stillstand: Sich trotz allem nicht unterkriegen zu lassen, scheint das Gebot der Stunde. So könnte sich auch der Wunsch von Jeanne Duchamp erfüllen, nämlich Musik nicht nur „als Quelle der Hoffnung“ zu begreifen, „sondern auch als Möglichkeit, nach dem Krieg wieder in den Dialog zu treten.“

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