Theater Bremen 

Die Jungen Akteure suchen die „Verlorene Jugend“

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Wie die Mädchen in den Keller geraten sind, weiß man nicht. Dennoch wird aus einem allgemeingültigem Gespräch über die Pubertät ein berührender Abend. 

Bremen - Von Rolf Stein. Am Theater Bremen geht es – nach der Frank-Witzel-Adaption „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ erneut in den Keller. Und wieder nicht zum Lachen. Dafür ist das Thema zu ernst. 

„Verlorene Jugend“, von Christiane Renziehausen und Sabrina Bohl nach verschiedenen literarischen und filmischen Vorlagen mit den jugendlichen Darstellerinnen Dana Herfurth, Maja Herms, Fanny Lya Hilken, Theresa Kleiner, Jorid Lukaczik und Karlotta Rolappe erarbeitet, in denen von der Außenwelt abgeschnittene junge Menschen ohnmächtig gegen ihre Situation aufbegehren. In dem Roman „The Virgin Suicides“ von Jeffrey Eugenides und dem gleichnamigen Film von Sofia Coppola wird jede Auflehnung von den Eltern mit einer Verschärfung der Abschottung begegnet. Am Ende wird keines der Mädchen mehr am Leben sein.

Den Brauhauskeller verwandelt Marthe Labes für diesen Abend in einen Raum voller Zeichen und Geheimnisse: Entlang den Wänden stehen Einmachgläser ungewissen Inhalts, die Fensternischen wirken wie Schreine, das Licht ist diffus, ab und an flackert es hier und dort, hin und wieder wuselt ein junger Mensch durch das Publikum, ohne dass sich so etwas wie Handlung einzustellen scheint. Das täuscht allerdings. Im Laufe der Zeit beginnt der Keller, in dem wir als Publikum heimliche Beobachter sind, zu leben,

Erstaunlich beiläufig gelingt es, die Bespielung gleich mehrerer getrennter Räume so zu organisieren, dass es nie ein Problem gibt, dem Stück zu folgen. Eine Stimme aus dem Off gibt den erzählerischen Rahmen vor, ansonsten sind die Blickwinkel fluide. Entscheidend ist dann auch nicht, wie die fünf jungen Frauen eigentlich in diese Situation geraten sind. Die Regeln scheinen naturgegeben, die Grenze nach außen porös. Immer wieder dreht sich das Gespräch auch um Jungs, die allerdings bloße Projektionen sein mögen, anhand derer die Hierarchie in der Gruppe diskutiert wird. Wie überhaupt auch Träume eine Rolle spielen, Geständnisse und Phantasieren, die in der Aufeinandergeworfenheit des Kellers manchmal geradezu explosionsartig eskalieren. Schockmomente, die die Aufmerksamkeit auch über zwei Stunden fesseln.

Bei aller Ungewissheit steht bald so viel fest: Die Situation ist krisenhaft, ist im Übergang und verlangt nach Auflösung. Was „Verlorene Jugend“ trotz seines fatalen Endes als allgemeingültiges Gespräch über die Phase der Pubertät verständlich macht.

Die Stimme aus dem Off gehört einer Überlebenden. Sie kehrt nach einem Leben, das durchaus erfüllt zu nennen wäre, zumindest gedanklich zurück zu den „jungfräulichen Selbstmorden“ und muss bilanzieren, dass auch von ihr ein Stück gestorben ist, etwas das unwiederholbar verloren ging. Die Trauer darüber ist am Ende dieses berührenden Abends förmlich mit den Händen greifbar.

Weitere Termine: Mittwoch, Donnerstag, sowie am 1. und 3. Februar, jeweils 19 Uhr, Brauhauskeller.

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