Keine Trauer um die Fremden 

Auftragswerk fürs Junge Schauspiel: „Antigone. Ein Requiem“

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Nicht nur was für das junge Publikum: „Antigone“ spricht alle Altersstufen an.

Hannover - Von Jörg Worat. Die „Rekomposition“ eines klassischen Stoffs: Klingt das nicht furchtbar gespreizt, und muss das nicht zwangsläufig schiefgehen? Muss es offenbar nicht, und wie immer der Begriff klingen mag, beim Stück „Antigone. Ein Requiem“ ist er angemessen. Es hat seine Gründe, dass der österreichische Autor Thomas Köck mit seinen 33 Jahren bereits zahlreiche Preise abgeräumt hat – die Uraufführung seines neuesten Textes ist jetzt im Ballhof Eins in Hannover zu erleben. Und zwar als Auftragswerk des Staatstheaters, genau genommen für das Junge Schauspiel, doch gerade bei dieser Produktion sind erwachsene Besucher mindestens ebenso gut aufgehoben.

Es ist die bekannte Sophokles-Tragödie – und auch wieder nicht: Was Köck daraus gemacht hat, geht jedenfalls über eine Bearbeitung hinaus. Schon in sprachlicher Hinsicht hat der Autor Beachtliches geleistet, weil er die klassischen Formen durchaus im Hinterkopf behält und die modernen organisch einzubinden weiß – nur sehr selten fällt zeitgenössischer Slang hier unangenehm auf. Und der Kern der Geschichte bleibt: Auch hier begehrt Antigone gegen das Gesetz Kreons auf, indem sie die Toten verbotenerweise bestattet sehen will. Allerdings geht es in dieser Version nicht um den in Ungnade gefallenen Bruder Polyneikes, sondern um zahlreiche Leichen, die am Strand angespült werden. Natürlich denkt man dabei sofort an Flüchtlingsszenarien, und diese Aktualisierung geht erstaunlich gut auf.

Zumal Köck nicht penetrant darauf herumreitet, sondern den wesentlichen Konflikt in den Mittelpunkt stellt, den es auch bei Sophokles gibt: Auf der einen Seite Antigone, die sich ihrem Gewissen verpflichtet fühlt, auf der anderen der „Realpolitiker“ Kreon, der auf der Allmacht des Gesetzes besteht, selbst wenn die eigene Familie dabei draufgeht.

Es will Kreon nicht in den Schädel, weshalb Antigone die Leichen in die Stadt getragen hat: „Um diese wird hier nicht getrauert“, argumentiert er beharrlich. „Wir wissen ja noch nicht einmal, wie deren Trauer aussieht.“ Tote nicht zu betrauern, nur weil sie fremd sind – da bekommt Kreon auch die Bedenken des Chors zu hören, der über das Verhältnis zwischen Gesetzen und Werten diskutieren will. Dieser Chor setzt sich aus Laiendarstellern zusammen, unter denen sich Blinde befinden. Insofern symbolisch, als es die Figur des „blinden Sehers“ Teiresias gibt, der Sage nach berühmt für seine Unfehlbarkeit. Ihn spielt Stefan Kolosko, auch verantwortlich für die hervorragende Einstudierung der chorischen Passagen.

Ja, die Inszenierung von Regisseurin Marie Bues ist sprachlastig, und nein, langweilig ist sie nicht. Hier und da kommen unaufdringlich Videos ins Spiel, einige rote Stühle erweisen sich als Vielzweck-Requisiten, und natürlich tragen die Darsteller ihr Scherflein zum Gelingen bei: Gewiss ist Bernhard Conrads Kreon eher die Hassfigur, aber so holzschnittartig verläuft die Charakterisierung nicht – Alrun Hoferts Antigone ist kaum weniger borniert.

Ein anregender, anspruchsvoller und sicherlich manchmal anstrengender Abend. Dessen Besuch sich lohnt.

Sehen

Montag, 19 Uhr.

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