Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ lässt sich am Theater Bremen beim Erwachsenwerden beobachten

Keine Sendepause am Höllenschlund

Allein im Wald: Ronja (Franziska Schubert) erkundet die Wildnis.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Zu den Absurditäten des Literaturnobelpreises gehört die Ignoranz der Juroren gegenüber Astrid Lindgren. Es sind schon Autoren geehrt worden, deren Namen allenfalls einem engen Expertenkreis geläufig waren, Lindgren dagegen ging immer leer aus. Grund: sind ja nur Kinderbücher.

Eines dieser Kinderbücher, „Ronja Räubertochter“, ist nun schon seit einigen Jahren der Renner deutschsprachiger Theaterbühnen. Dabei war es für diese ursprünglich gar nicht vorgesehen. Der Roman aber vereinigt zeitlos relevante Themen auf eine derart sinnhaft dramatische Weise, dass seine Aufnahme ins Repertoire des Kinder- und Jugendtheaters geradezu zwangsläufig erscheint.

In Bremen hat nun Regisseur Karsten Dahlem das Werk als Weihnachtsmärchen für die Bühne eingerichtet (Textfassung: Barbara Hass) – und dabei weniger mit literarischen Gattungsproblemen zu kämpfen als mit Schicksalsschlägen der ganz profanen Art. Schauspieler Christoph Rinke nämlich, vorgesehen für die Rolle des Birk Borkasohn, brach sich wenige Tage vor der Premiere den Fuß. Premieren lassen sich verschieben, Produktionen zur Not auch mal ganz kippen. Nur ein Weihnachtsmärchen, die Lebensversicherung eines jeden Hauses, muss laufen. Koste es, was es wolle.

Viel kostet es nicht. Zu schlüssig ist Dahlems Konzept, als dass es sich durch einen unglücklichen Ausfall ins Wanken bringen ließe. Ohnehin ist es an Franziska Schubert, in der Titelrolle die Grundtonart dieses Abends anzustimmen. Sie entscheidet sich für einen Charakter, den viele Eltern im Saal nur allzu gut kennen dürften. Kämpferisch, trotzig, stur: wie heranwachsende Mädchen so sind. Als solches möchte sie in den großen dunklen Wald aufbrechen, wovor es Mattis (Siegfried W. Maschek), ihren besorgten Vater, graut. Die Wilddruden müsse sie fürchten, belehrt er Ronja: die Graugnome und Rumpelwichte ebenfalls. Gefährlich auch die Wölfe und die Borka-Räuber. Und: der Höllenschlund!

Rührend wirkt diese Warnung, angesichts der kleinen Pappbäumchen, die auf den lustig schrägen Bühnenelementen herumstehen (Bühnenbild: Christa Beland). Doch dann wird es plötzlich finster im eben noch sommerhellen Wald, seltsame Laute verkünden Unheil, Tiere schreien, Gnome wimmern, und plötzlich stakst ein riesiges, nachtschwarzes Vogelwesen durchs Gebüsch. Da ist sie, die grausige Wilddrude: ein durchaus beängstigendes Wesen, jedenfalls für Kinder ab sechs.

So kann es gehen, wenn man zu Beginn seines langen Weges in die Selbständigkeit gleich ganz allein in die Welt da draußen aufbricht. Andernfalls aber lernte Ronja vielleicht nicht Birk (Philipp Michael Börner) kennen, diesen Wirrkopf von der Borka-Sippe, der aber nach und nach immer netter wird. Anfangs mutet Birk noch unsagbar albern an mit seinem Motorradhelm unterm Arm und den ach so coolen Sprüchen: „Hey, Räubertochter. Jetzt is‘ aber mal Sendepause!“ Verächtlich äfft Ronja diese Worte nach, und doch wird spürbar, wie gerade in der Parodie der erste Schritt zur Annäherung erfolgt. Verbirgt sich doch hinter der zur Schau getragenen Verachtung nicht mehr als ein Schutzschild vor dem Fremden, ein eingeübter Reflex auf die ungeheuerliche Erfahrung des Neuen.

Börners Birk ist ein frühpubertierender und damit unsicherer Zeitgenosse, der hinter der Fassade männlicher Selbstgewissheit seine Verlegenheit nicht verbergen kann. Das ist eine beachtliche Interpretation, angesichts der äußerst knapp bemessenen Probenzeit, wenngleich es – die Umstände entschuldigen es – für eine weitere Entwicklung des Charakters nicht reicht. Anders Franziska Schubert, deren Ronja sich beim Erwachsenwerden beobachten lässt: eine Persönlichkeit, die ihrer Unmündigkeit entflieht, an den Widrigkeiten ihrer Umwelt reift und am Ende konkrete Pläne für ein sinnerfülltes Leben schmiedet.

Ein behutsamer Einsatz musikalischer Stilmittel verhindert das bei Weihnachtsmärchen so oft gepflegte Abdriften in eine Nummernrevue, und die komödiantischen Elemente verraten zu keiner Zeit die Substanz des Stücks. „Ronja Räubertochter“ ist immer noch zu allererst ein großer Roman. In der Inszenierung von Karsten Dahlem ist er aber darüber hinaus: ein eindrucksvolles Drama.

Weitere Vorstellungen: am 28. November um 15 und 17.30 Uhr sowie am 5. Dezember um 16 und 18.30 Uhr.

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