Oldenburgisches Staatstheater eröffnet seine Ersatzspielstätte am Fliegerhorst mit einer rauschenden „Dreigroschenoper“

Keine Hinrichtung zur Primetime

Showstars und ihr mediales Abbild: Polly Peachum (Kristina Gorjanowa) und Macheath (Gilbert Mieroph).

Von Johannes BruggaierOLDENBURG (Eig. Ber.) · Jetzt fangen sie in Oldenburg auch noch an, Unbespielbares zu bespielen. Die trostlose Halle 10 des alten Fliegerhorsts etwa, ein sich entsetzlich in die Breite ziehendes Industriegebäude: Man mag hier Automessen veranstalten oder zur Not ein Rockkonzert, aber um Himmels Willen kein Sprechtheater. Es sei denn, das Ensemble des Staatstheaters nimmt sich der Sache an, es sei denn, die Allzweckwaffe K.  D. Schmidt führt dabei Regie.

Es geht um die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill, in Wahrheit aber geht es um eine Show nach bester Fernseh-Unterhaltungstradition. Klaas Schramm gibt als Moritatensänger den Entertainer der alten Schule: eine Symbiose aus Fuchsberger, Kulenkampff und Heck. Schmierig stimmt er in seinem blauen Glitzersmoking den „Haifisch“-Song an, wirft zwischendurch effekthascherisch Konfetti und gefällt sich in marktschreierischen Ankündigungen von Showacts. Auf der kargen Bühne bringt sich bald ein Mann in Stellung, der in seinem kokett pseudoseriösen Aufzug an den schlitzohrigen Gangster Köhler aus Tom Toelles legendärem „Millionenspiel“ erinnert: Macheath (Gilbert Mieroph) stürmt mit seiner bürgerlichen Verlobten Polly Peachum (Kristina Gorjanowa) das leere Gebäude, um heimlich Hochzeit zu feiern. Ihnen hinterher rauscht in einem knallgelben Lieferwagen die Räuberbande: springt aus dem Gefährt, knallt die Türen und stapelt in „Wetten, dass…?“-Manier eine komplette Möbelgarnitur binnen Sekunden zu einem Turm. Als Grundausstattung für den neuen Haushalt stehen da zwar drei Waschmaschinen und zwei Kühlschränke bereit, dafür aber null Esstische. Sollte dieser Streich einer versteckten Kamera geschuldet sein, haben sich die Gauner geschnitten – Macheath jedenfalls versteht keinen Spaß, fordert vielmehr mürrisch Liedbegleitung zum frohen Fest. Kurzerhand gibt Polly den RTL-Superstar, eine Großbildleinwand für die Videostudie wird dazu eilig hereingeschoben. Ihr Lied von der „Seeräuber-Jenny“ intoniert sie angeraut, mit leichtem Hang zum Vulgären: Die Gangster-Jury ist begeistert.

Sobald Polly daheim vor ihrem Papa Jonathan Peachum (Thomas Birklein) steht, einer sagenhaft spießbürgerlichen Mischung aus Peter Alexander und Roland Kaiser, schlägt sie andere Töne an. Dann trällert sie mit glockenheller Stimme von der Unschuld und der Liebe, als verdunkelte kein Arg ihr reines Seelchen.

Das alles freilich ist nur harmloses Vorabend-Vorgeplänkel für die ganz große Primetime-Show. Denn nach all den Verwirrungen und Verstrickungen dieser komödienhaften Gaunerei besetzt der Held des Abends den elektrischen Stuhl. „Aaaah!“, rufen dessen Räuberkollegen erwartungsfroh von der rückseitigen Hallenbrüstung herab. Da springt der Todgeweihte wieder herunter: „Oooch!“, schallt es enttäuscht durch den Raum. Nein, so weit sind wir doch noch nicht gekommen, als dass sich auch Hinrichtungen als Unterhaltungsware vermarkten ließen.

Wenn aber dieser wunderbar leichtgängigen Revue, diesen perfekt getimten Pointen, den herrlich unaffektierten, gleichwohl leidenschaftlichen Songs, den dreieinviertel Stunden, die wie dreieinhalb Minuten verfliegen – wenn dieser neuen Eruption des Oldenburger Schauspielvulkans also die berühmte chorisch vorgetragene Erkenntnis folgt, dass „erst das Fressen“ kommt und danach „die Moral“: dann fühlt man sich als freudiger Konsument dieser allumfassenden Megashow unangenehm ertappt. Brechts so oft als aufdringlich empfundene Gesellschaftskritik hat sich damit durch die Hintertür doch noch auf die Bühne geschlichen. Ganz heimlich und subtil, ohne den gefürchteten didaktischen Zeigefinger.

Wegen des sanierungsbedingten Umzugs in das abgelegene Provisorium hatten vor Spielzeitbeginn Spekulationen über zu erwartende Qualitätsprobleme und Publikumsrückgang die Runde gemacht. Schließlich müsste nach all den bundesweit beachteten Erfolgen der vergangenen Jahre auch mal so etwas wie ein Absturz, zumindest eine Stagnation eintreten. Jetzt bangen vor der ausverkauften Halle Zuspätgekommene um Restkarten, und das Ensemble spielt, als sei nichts leichter, als die Saison in einer abgehalfterten Flugzeugwerft zu eröffnen. Mit einem Gilbert Mieroph, der in seiner Rolle Bauernschläue mit ungezügelter Triebhaftigkeit vereint. Mit einer Anna Steffens, die als Spelunkenjenny derart berührend ihr Schicksal beklagt, dass man mitweinen möchte. Und nicht zuletzt mit einem Klaas Schramm, der hinter der Fassade eines gut gelaunten TV-Conferenciers das Herbe, Eitle, Menschenverachtende kenntlich macht.

Theater fragt weder nach Raum noch nach Zeit. Es fragt allein: nach einem befähigten Ensemble.

Weitere Vorstellungen: am 19. September um 19.30 Uhr, am 26. September um 15 Uhr.

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