„Mensch, Puppe“ zeigt in Bremen Hermann Hesses „Siddharta“

Keine Hektik

Sinn oder nicht Sinn, das ist hier die Frage: Jeannette Luft in „Siddharta“. Foto: Daniel Kunzfeld

Bremen - Von Dierck Wittenberg. Hermann Hesses „Siddhartha“ wurde seit seiner Erstveröffentlichung 1922 mal ignoriert und mal belächelt. In den 60er-Jahren, als nicht nur die Beatles nach Indien gingen, um Transzendentale Meditation zu lernen, wurde das Buch millionenfach gelesen, und heute scheint das Werk eine kleine Renaissance zu erfahren.

In Bremen hat sich das Figurentheater „Mensch, Puppe“ den Stoff vorgenommen, und auch im Frankfurter Schauspiel ist eine Bühnenfassung der Geschichte vom Brahmanensohn zu sehen. Die Adaption, die im ungleich kleineren Bremer Figurentheater Premiere feierte, bewegt sich, wie auch die Frankfurter Inszenierung, nah am Originaltext. Hesses „indische Erzählung“, so der Untertitel, ist ja einerseits eine tiefe Verneigung vor fernöstlicher Philosophie und Spiritualität – und andererseits eine westlich-moderne Aneignung, ein Entwicklungsroman mit einem alternativen Buddha (Siddhartha Gautaman war der weltliche Name des Begründers des Buddhismus) als Helden.

In die herrschende Kaste der Brahmanen hineingeboren, begegnet uns Siddhartha auch zu Beginn des Stücks als junger Mann, dem alles in die Wiege gelegt ist, um den für ihn vorgezeichneten Weg zu gehen: Auf der Höhe des Wissens seiner Zeit gebildet, intelligent, beliebt, gut aussehend. Und doch nagt in ihm eine innere Unruhe, ein fast faustischer Drang, auch den letzten Dingen auf den Grund gehen zu wollen: „Wo war dies Ich, dies Innerste, dies Letzte?“ Er geht zu den Bettelmönchen, wird einer von ihnen, trifft den historischen Buddha, kann dessen Lehre aber nicht folgen, weil sie die eigene Erfahrung nicht ersetzen kann. Er wendet sich weltlichen Genüssen, materiellem Reichtum und der körperlichen Liebe zu, um schließlich als Fährmann Ruhe, um nicht zu sagen: Erleuchtung, zu finden.

Mit seiner gespreizten Sprache, seinen Sinnfragen und Reflexionen über das Wesen der Welt und des Ichs scheint Hesses Erzählung nicht unbedingt zum Theaterstoff prädestiniert. Aber auch wenn die Dialoge durch eine Erzählstimme aus dem Off eingeleitet und zusammengehalten werden müssen, funktioniert „Siddhartha“ auf der Bühne erstaunlich gut.

Was womöglich auch an den spezifischen Möglichkeiten des Figurentheaters liegt. Dadurch, dass die Übergänge zwischen den verschiedenen Lebensphasen als Wandlungen der von Mechtild Nienaber gebauten Puppen ins Stück eingebunden sind, werden die Veränderungen, die Siddhartha durchmacht, spielerisch hervorgehoben.

Und: Gerade die Szenen, in denen Darstellerin Jeannette Luft – die mit Regisseur Philip Stemann auch für das Konzept verantwortlich ist – die Figuren mit Fingerpuppen darstellt, sind beeindruckend: Die Liebesszene zwischen Siddharta und der schönen Kurtisane Kamala allein ist den Besuch wert.

Jeannette Luft bewegt sich und die Figuren auf einer nur mit trockenen Ästen und Tuch gestalteten Bühne (Jürgen Lier), die nach hinten durch eine Projektionsleinwand mit visuellen Effekten des Videokünstlers Eike Buff abgeschlossenen wird. Begleitet wird Luft von der sphärischen Musik Matthias Entrups, der als einzige weitere Person auf der Bühne, sozusagen als stummer Buddha anwesend, nur seine Instrumente wie Vibrafon und Flöte sprechen lässt.

All das sorgt für eine fast meditative „Siddhartha“-Inszenierung, die in der Geschichte aufgeht, anstatt direkte Bezüge zur Jetztzeit herstellen zu wollen. Womöglich sind es gerade die allgegenwärtigen Selbst-Inszenierungen und -Vermarktungen in der (virtuellen) Realität, die Fragen nach dem Sinn und dem Ich wieder virulenter werden lassen. Hesses „Siddhartha“ bildet zu dieser Hektik, auch in der Figurentheaterfassung, einen Gegenentwurf.

Vielleicht provoziert die erneute Versenkung in den Stoff aber auch Fragen danach, ob Siddhartha – den die Erfahrung zu der Erkenntnis führt, dass die Dinge im Fluss sind und alles mit allem zusammenhängt – uns tatsächlich einen Weg weisen kann. Oder ob seine Überlegungen mittlerweile nicht zu sehr Kalenderweisheiten ähneln.

Sehen

Alle Novembervorstellungen von „Siddharta“ sind bereits ausverkauft. Karten gibt es erst wieder für Vorstellungen ab dem 14. Dezember; www.menschpuppe.de

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