Keine Gerechtigkeit

Am Thalia-Theater in Hamburg feiert „Michael Kohlhaas“ Premiere

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Nicht ohne Todeskralle: Thomas Niehaus (r.) und Paul Schröder in „Michael Kohlhaas“ am Thalia-Theater.

Hamburg - Von Rolf Stein. Er biete nur eine Spielwiese, „sodass die Schauspieler ungefähr wissen, in welcher Sportart wir uns befinden, und dann spinnt das Kollektiv“, sagte Antú Romero Nunes einmal in einem Interview. Sein „Michael Kohlhaas“, der am Sonntag am Thalia-Theater in Hamburg als Auftakt der Lessingtage Premiere feierte, mag als hübsches, wenn auch nicht vollständig befriedigendes Exempel für diese Haltung gelten.

Seit einigen Monaten ist, wohl dem Zentralabitur sei Dank, an norddeutschen Theatern kein Mangel an Adaptionen der Kleist-Novelle um den gerechtigkeitsfanatischen Pferdehändler. Die von Nunes könnte gut und gern als spektakulärste gelten. Dass sie damit auch der Figur des Kohlhaas am nächsten käme, lässt sich indes bestreiten.

Der Umweg, den Thalia-Hausregisseur Nunes nimmt, ist allerdings auch ganz schön lang, nachdem er den Novellenhelden gleich am Anfang des eindreiviertelstündigen Abends hat guillotinieren lassen.

Immer wieder großer Stummfilm-Slapstick

Eine Stimme aus dem Off (Wolf-Dietrich Sprenger) sortiert das Geschehen ein. Danach dürfen wir erst einmal drei mit Loriot-Hasenzähnen und Pferdeschwanz ausgestatteten Kittelträgern (Thomas Niehaus, Jörg Pohl und Paul Schröder) in ihrem Bretterverschlag (Bühne: Matthias Koch) bei der Arbeit im Im- und Export-Geschäft zuschauen. Das dauert bestimmt eine Dreiviertelstunde, innerhalb derer man auch erfährt, dass es sich bei diesen Figuren um Nachfahren des eingangs hingerichteten Kohlhaas handelt. In erbarmungsloser Konsequenz und ungefährer Gegenwart angesiedelt exerzieren sie durch, wie sich Kleinbürger, die zugleich Konkurrenten wie arbeitsteilig Kooperierende sind, aneinander abarbeiten. Das hat im engeren Sinne eher am Rande mit Kleist zu tun, ist aber immer wieder großer Stummfilm-Slapstick.

Kleists Kohlhaas-Geschichte gibt es später schon noch. Und zwar, um ein einigermaßen abgenudeltes Bonmot zu bemühen, in seiner Wiederkehr als Farce. Nachdem nämlich die drei Nachfahren sich mit Faxgerät, Pizza, Klingelstreich und Fahrrad ausführlich durchtraktiert haben, wird ihnen die Zwangsversteigerung angekündigt. Ab hier wird auch gesprochen, ab jetzt ist es die bekannte, wenngleich beherzt geraffte Kohlhaas-Geschichte, und Junker, Kurfürsten und Luther marschieren in Victoria Behrs knallbunt historisierenden Kostümen auf.

„Gerd, was machen die Ravioli?“

Der Transfer in die Gegenwart scheint allerdings fragwürdig, als die drei Kohlhaas-Brüder den Zweiten Weltkrieg für unvollendet erklären, darum dem deutschen Staat eine Absage erteilen, ihre Papier verbrennen und in den Untergrund verbrennen. Reichsbürger wollen sie sein, wo Kleists Held das herrschende Recht eben nicht in Frage stellt, sondern dessen mangelnde Durchsetzung.

Zum Glück dreht das Kollektiv an dieser Stelle ausreichend frei, um das Pathos mit einem der schönsten Momente dieses Abends zu ruinieren: Mit den unsterblichen Worten „Gerd, was machen die Ravioli?“ stürzen sich Niehaus, Pohl und Schröder noch einmal mit Verve in Slapstick, bis sie im furiosen Showdown im Kugelhagel fallen. Und durch die Tür zu ihrem Verschlag treten ein: zwei in Pferdegeschirr gekleidete, blond bemähnte Frauen, die Waffen im Anschlag, um auf einem Podest im Bühnenregen zwischen Fetisch und Appassionata posieren. Ein großes Schlussbild für einen schillernden Abend.

Die nächsten Vorstellungen: Samstag, 27. Januar, 19.30 Uhr, Dienstag, 6. Februar, 20 Uhr, Samstag, 10. Februar, 20 Uhr, Sonntag, 11. Februar, 15 Uhr, Thalia-Theater, Hamburg.

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