Staatsschauspiel Hannover kooperiert mit der freien Szene

Keine Furcht vor Furien

Die Zusammenarbeit mit der freien Szene erreicht eine neue Ebene: Marleen Wolter von der „Frl. Wunder AG“. Fotos: Katrin Ribbe
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Die Zusammenarbeit mit der freien Szene erreicht eine neue Ebene: Marleen Wolter von der „Frl. Wunder AG“.

Hannover - Von Jörg Worat. Originell, interessant und zumindest streckenweise äußerst lustig: Mit „Furien des Erinnerns“ hat das Staatsschauspiel im Ballhof Zwei eine sehr spezielle Produktion zur Uraufführung gebracht. Speziell schon deshalb, weil hier die Kooperation mit der freien Szene eine neue Ebene erreicht: Entsprechende Einladungen hatte es in den vergangenen Spielzeiten schon gegeben, allerdings ohne echte Durchmischung – jetzt jedoch stehen Darstellerinnen aus dem Staatsschauspiel-Ensemble und Performerinnen der „Frl. Wunder AG“, von der auch die Idee zu diesem Projekt stammt, gemeinsam auf der Bühne.

Das Thema ist, wie bei Intendantin Sonja Anders üblich, in erster Linie ein frauenspezifisches: Die Akteurinnen haben sich darüber Gedanken gemacht, weshalb einst einflussreiche Künstlerinnen mehr oder weniger gründlich in Vergessenheit geraten sind. Die Ergebnisse dieser Recherchen stellen sie nun auf spielerisch-unterhaltsame Weise vor.

Was ja eine ernsthafte Betrachtung der Frage, inwieweit Erinnerungskultur männlich dominiert ist, nicht ausschließt. Vor den titelgebenden Furien muss sich indes niemand fürchten: Zwar werden im einleitenden Video maskulin angehauchte Worte wie „Herrlichkeit“ oder „History“ per Baseballschläger aus dem Bild katapultiert, wirklich gewaltsam geht es an diesem Abend jedoch nicht zu.

Weit eher schon aufschlussreich. Nicht alle der vorgestellten Damen sind überdurchschnittlich exotisch – die Tänzerin Loïe Fuller etwa ist gewiss kein unbeschriebenes Blatt. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wartete sie mit extravaganten Ideen für Kostüme und Bühnenbild auf, die nun in Hannover natürlich auch vorgeführt werden und dabei ihre Zeitlosigkeit unter Beweis stellen.

Wie aber steht‘s mit Phillis Wheatley, der afroamerikanischen Dichterin aus dem 18. Jahrhundert? Mit Jeanne Roques alias Musidora, Vorreiterin des Vamp-Tpyus im Film? Oder mit der Varietékünstlerin Thea Alba, gleichsam die Urmutter des Multitaskings, die simultan mit sämtlichen Gliedmaßen in unterschiedlichen Sprachen schreiben konnte?

Keine Gewalt: Marleen Wolter, Svenja Wolff, Alrun Hofert und Sabrina Ceesay.

Beim Nachahmungsversuch zeigt die hannoversche Schauspielerin Sabrina Ceesay erfrischende Selbstironie: Stolz verweist sie auf das angeblich ausformulierte Wort „Busfahrkarte“, tatsächlich ein komplett unleserliches Gekrakel. Theater ist und bleibt eben die Kunst der Behauptungen.

Interessant fällt der Vergleich der Darstellungsvarianten aus: Ceesay und Ensemblekollegin Alrun Hofert haben zweifellos in Sachen Sprachkultur und Mimik erheblich mehr zu bieten – ganz großartig geraten etwa Hoferts Sissi-Parodien im Rahmen der Vorstellung von Katharina Schratt (1853 bis 1940), Schauspielerin und Geliebte von Kaiser Franz Joseph. Auf der anderen Seite bildet eine gewisse Unbedarftheit der freien Wunderfräulein, bei der Premiere waren das Marleen Wolter und Verena Lobert, eine schöne Ergänzung zur Routine der Kolleginnen.

Und wo hakt‘s an diesem Abend? Am ehesten bei manchen Texten, die plakativ werden und Vermutungen als historische Gewissheit verkaufen: Dass etwa das bahnbrechende Readymade „Fountain“ nicht Marcel Duchamp zuzuschreiben sei, sondern Elsa von Freytag-Loringhoven, wird zwar diskutiert und ist durchaus möglich, kann aber zumindest nach dem aktuellen Forschungsstand keineswegs als gesichert gelten.

Das ist aber zu verschmerzen: Eine solch schwungvolle Mischung aus Information und Entertainment macht sich auf der Theaterbühne sehr gut. Egal, ob sie nun staatlich oder frei genannt wird.

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