„Schiller und das Recht“: Yvonne Nilges entdeckt in „Wallenstein“ Kritik an Kant und in „Don Karlos“ laizistische Züge

Keine Friedenshoffnung strahlt von fern

Syke - Von Johannes Bruggaier. Schiller verstehen zu wollen, ist nicht immer ratsam. Am Anfang hat es meist noch den Anschein, als genüge die bloße Lektüre. Aha, ein Tyrannenmord: Appell zum Widerstand, Schiller als politischer Dichter. Oder auch verbotene Liebe: Plädoyer für eine liberale Gesellschaft, Schiller als Heros der Freiheit.

Doch dann stößt man auf Widersprüche und Fallstricke. Was zunächst sonnenklar erschien, ist plötzlich komplizierter als gedacht, und unversehens findet man sich in einem Berg von Sekundärliteratur wieder: immer im Glauben, den Weg gefunden zu haben, der zum Schlüssel dieses Werks führt. Bloß, dass dieser Weg einfach kein Ende finden will.

Yvonne Nilges hat sich für ihre Annäherung weder den politischen Dichter noch den Freiheitsphilosophen vorgenommen, sondern den Juristen Schiller. Und dass allein schon diese Abgrenzung einigermaßen problematisch anmutet, weil sich das eine mit dem anderen deckt und mit dem dritten wiederum eine Schnittmenge bildet: Das zeigt, in welch unwegsames Gelände sich die Heidelberger Literaturwissenschaftlerin mit ihrer Studie wagt.

Da erscheint es nur folgerichtig, mit dem Naheliegendsten zu beginnen. Mit jenem Werk, dessen juristische Dimension ganz unzweifelhaft ist: dem „Verbrecher aus verlorener Ehre“. Anhand der traurigen Karriere des Wilddiebs Christian Wolf, dessen immer härtere Bestrafungen nur umso größere neue Verbrechen bewirken, zeigt Nilges manchen bedenkenswerten Aspekt in Schillers Rechtsverständnis auf. So war in einer Ständegesellschaft, die das Wild grundsätzlich als Eigentum des Fürsten verstand, Wilderei zwar ein Verbrechen. Zugleich jedoch war sie auch ein Mittel des Widerstands gegen die Tyrannei des Adels und damit ein Instrument, um in der verarmten Landbevölkerung überhaupt Ruhm und Ehre zu erlangen. Der Wilderer war ein Held, der überführte Wilderer aber ein ehrloser Verbrecher: eine Doppelmoral als idealer Bodensatz für Willkürherrschaft. Und wenn an dieser Stelle auch das Juristische ins Politische zu kippen droht, so ist das noch gar nichts im Vergleich zu den sich anschließenden Ausführungen.

Denn Nilges schlägt den ganz großen Bogen, will sich nicht mit Gaunerdelikten und sonstigen juristischen Petitessen aufhalten. Vielmehr holt sie nun weit aus, und zwar mit Schillers historischen Schriften: Staats- und Völkerrecht statt Wilderei und Forstwesen. Es geht um Demokratie und Monarchie, um Schillers Sicht auf die Französische Revolution und den Abfall der Niederlande. Man hat der Autorin bereits vorgeworfen, den Dichter und Historiker hier zum Gründungsvater des modernen Europa idealisiert zu haben. Und tatsächlich erscheint manche ihrer Lobeshymnen gewagt bis übertrieben, so etwa Schillers angeblich bedingungsloses Eintreten für die Gleichstellung der Frau. Wie sehr er in dieser Frage von Goethe beeinflusst war, hatte zuletzt Katharina Mommsen in ihrer Studie über diese Freundschaft aufgezeigt.

Die Untersuchung droht in dezidiert politische Sphären abzudriften, wenn sie auf Hugo Grotius‘ humanitäre Völkerrechtslehre eingeht und deren Auswirkungen auf Schillers Betrachtung des Dreißigjährigen Kriegs. Aus der Zerstörung Magdeburgs durch Tilly im Jahr 1631 wird die Forderung nach sozialen Kriterien auch für Kriegszustände abgeleitet: eine Ambition, die später in Kants Traktat vom „Ewigen Frieden“ konterkariert wird. Weil das moralisch Böse, so heißt es da, in seinen Absichten sich selbst „zuwider und zerstörend“ sei, mache es so dem Prinzip des Guten Platz – wenn auch nur durch langsame Fortschritte.

Und dann schließt sich plötzlich der Kreis, belohnt Nilges ihr Publikum für seine Treue. Grotius‘ Völkerrechtslehre, Kants Friedenstheorie: Sie kulminieren unversehens in Wallensteins Politik der verbrannten Erde. Kants Idee eines sich nach dem Evolutionsprinzip quasi zwangsläufig ausbreitenden Friedens findet beim Friedländer eine geradezu höhnische Widerlegung. Der Verbrecher Wallenstein stilisiert sich mit Kants Logik kurzerhand selbst zum Opfer der Verhältnisse und findet damit die Legitimation zu weiteren Rechtsbrüchen. „Langsame Fortschritte“? Weit gefehlt: „Keine Friedenshoffnung strahlt von fern.“

In „Maria Stuart“ erkennt Nilges raffiniert komponierte Reflexionen von Moral und Politik, so etwa ein vordergründig moralisch begründetes Demokratiebekenntnis, das der Herrscherin Elisabeth in Wahrheit als Machtinstrument dient. Bei „Wilhelm Tell“ deutet sie die Abwesenheit des Freiheitskämpfers ausgerechnet beim Rütlischwur überzeugend als Verweis auf den Idealzustand einer repräsentativen Demokratie. Und in „Don Karlos“ legt sie anhand der eingeforderten „Gedankenfreiheit“ schlüssig laizistische Motive dar.

So kommt diese Abhandlung schließlich doch noch zu gleichermaßen konkreten wie erhellenden Ergebnissen, wenn man dabei auch manches Drama („Die Räuber“) schmerzlich vermissen mag. Ob die Erkenntnisse immer auch lupenrein „rechtlicher“ Natur sind oder sie nicht vielmehr der politischen Dimension zuzuordnen sind: Diese Frage ist am Ende nur noch eine Nebensache.

Yvonne Nilges: „Schiller und das Recht“, Wallstein Verlag: Göttingen 2012; 432 Seiten, 44,90 Euro.

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